vega32Alan Vega und Jon Spencer mit seiner neuen Formation Heavy Trash entern die Berliner Volksbühne. Es ist Montag, der 23. April, Boris Jelzin ist heute verstorben, Bayern München steckt mal wieder in seiner tiefsten Krise seit Menschengedenken, seit Wochen schallt und titelt es aus dem Blätter- und Anzeigendschungel, auch heute abend stimmen Vega und Spencer ein in den Kärgsten aller kargen Refrains: Rettet Die Welt! Und dies alles nur weil Georgie Bush sich vor dem nun wieder mal von Demokraten geführten Kongress einen harmlosen und völlig unerheblichen Nebensatz nicht verkneifen konnte. Ts, ts.
vega36 Sicher, es wäre nötig, keine Frage. Aber wer oder was solls richten? Pünktlich um 21 Uhr betritt nach minutenlang wummerndem Crescendo jedefalls Alan Vega in bunt bestrahlten Trockeneisschwaden die Bühne im Großen Saal der Volksbühne. Wo er sich früher, vor etwa einhundert Jahren, neben Suicide Partner Martin Rev mit Blech-Beatbox und Billigsynthesizer mit einem Publikum von ca 22 Leuten stritt, schlug, spuckte, fluchte, wischten Suicide die klassischen post-strukturierten Minimalismus-Manierismen der 60er mit apokalyptischer Underdog-Gewaltgeste vom Tisch. Wo Vega damals die von Pink-Floyd-Kansas-Eagles infiltrierten 70er mit Drall aus ihrer Umlaufbahn warf, geht heute der wilde Mann mit Partnerin samt Sohn auf Erkundungsfahrt, bewaffnet mit knallig-pulsenden Techno-Elektro-Trash-Beats aus der Dose.
Trockeneisnebel, reflektierender Mirrorball, blaue und grüne Spotlights auf die schwarze Eminenz, seit Beginn der 90er knacken die technoid-gesampleten Loops. Sein neues Album heist Station, und dessen Songs bilden den Kern des heute vorgetragenen
vega2Repertoires. Freedom Sky, Democracy Dies - Swastika Eyes - SS-Eyes - Burn It Away - Survivor, Fight For Your Life: Wenn Vega seine Slogans in die Menge wirft, verfällt der Betrachter ins automatisierte rhythmische Kopfnicken. Partnerin Liz Lamiere bediente die Tapes, und zwar ein ganzes Bündel davon, aber auch mit flinker Hand das mitgebrachte Chaos-Board. Heute Abend steht nicht Suicide auf dem Programm, nein, nicht ein einziger Song, sondern der Slogan: Rettet die Welt!
Auch Jon Spencer stimmt hier mit ein, sein im klassischen 50er-Stil samt Kontrabass formiertes Quartett Heavy Trash bekommt unerwartete Schützenhilfe vom Undercover-Mann am Mischpult. Der werkelt nicht mit gesengten Haupte an den Knöpfen, so wie erwartet, nein, er klemmt sich eine Gitarre unter den Arm, spielt und singt die Refrains mit. Heavy Trash rocken heute nicht den Kaputtrock aus Blues Explosion, Pussy Galore oder Boss Hog. Eigentlich könnte sich Jon Spencer nun in Gene Vincent umbenennen, wenn dieses Unternehmen nicht auch rechtliche Nachteile mit sich bringen würde. Die heutigen Besucher fanden den 1:1 gespielten Rock-A-Billy aber klasse, und Klasse ist was zählt. Wir werden den Teufel tun und es uns öffentlich mit Jon Spencer verderben. Da sind einfach zu viele Fans, Freunde und Bekannte im engen Umfeld, die uns schlichtweg vierteilen würden. Noch schlimmer wäre der Margarita-Liebesentzug, so dass wir zähneknirschend kleinbei geben. Okay - dieses Mal - nur nicht frech werden.
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mischer?


