Wenn Bardo Pond und Espers ihr Deutschland-Debut geben, wie gestern Nacht im Festsaal Kreuzberg, wundert man sich schon im ersten Moment, wer - was - oder wieviele Leute wohl kommen mögen. Dass sich dann am Ende doch ausser den üblichen Verdächtigen eine recht durchmischte Schaar einfindet um teilweise übereuphorisiert vor der Bühne wie ein Gummiball auf und ab zu hüpfen, verwundert letztendlich doch nur am Rande. Der freifliegende Psychedelic-Folk der Espers samt Cello- und Korgorgel-Klangschlierenecho sowie der aufwühlend-ergreifende Precious Metal von Bardo Pond, kopfüber statisch hängend und vorzugsweise im Slow-Motion-Modus ausgeführt, bringt uns ein Stückchen näher an die Basis der gegenwärtigen Szene aus Philadelphia, PA.
Der Abend begann mit einer Solo-Performance der Gitarristin Edith Frost, geboren in Texas, zur Zeit zwischen Albany in Californien und Chicago verweilend, auch um möglichst nahe an ihrem Label Drag City zu sein. Dort sind auch ihre melancholischen Songs auf Alben erschienen wie zuletzt It´s A Game. Edith Frost gab eine solide Performance ab, wirkte insgesamt aber ein wenig verloren draussen vor dem Saal stehend, das Gesicht tief im Jackenaufschlag versunken. Der Bardo Pond Drummer gab aber heute den Ton an, und nicht nur den, er bestimmte auch Tempo und Schwingungen der frei-flimmernden halbimprovisierten Tunes als kritischen Masse bei Songs wie Destroying Angel oder Lost Word aus dem neuen Album Ticket Crystals, just erschienen auf ATP Recordings.
Bardo Pond stammen wie Espers auch aus Philadelphia und bestehen aus Isobel Sollenberger (voice, flute, violin), Jason Kourkounis (drums), Clint Takeda (bass), Aaron am Moog plus die beiden Brüder John und Michael Gibbons (guitars). In ihrem gemeinsamen Loft mit dem Namen Lemur House ensteht kontinuierlich neben Installationen, Zeichnungen und Bilder für die Kunst auch das Artwork der eigenen Scheiben auf dem eigenen Label Three Lobed. Hier erscheinen seit 1992 die ersten Alben wie Shone Like a Ton oder das fantastische Cypher Documents I. Eines ihrer Besten Werke bisher bleibt aber Dilate, 2001 erschienen auf Matador, das alle die wie übernatürlich fliessenden Kräfte der steinschwer fliessenden Songs bündelt. Schlagzeuger Jason Kourkounis sorgte durch sein kraftvolles und äusserst präzises Spiel für ein unerwartetes Driften und Übereinanderschichten der Songs aus submarinen Partikeln, die wie im Tauchgang funkelnden Metallschlaufen. Bardo Pond spielten lange, sehr lange, fast zwei Stunden, und je mehr sich der Festsaal gegen 2 Uhr nachts leerte, desto intensiver forderten die Ausharrenden nach einer Zugabe und nach mehr. Das sich Bardo Pond sicher und wohl fühlten heute hier auf dieser Bühne, war den einzelnen Akteuren von Beginn an vom Gesicht abzulesen. Isobel Sollenbergers Querflötenspiel flirtet ausgezeichnet mit dem trocken-erdigen Rock-Gerüst, diesem brockigen Backup-Geröll, sie verleiht den Tracks von Bardo Pond ihre übernatürliche Schönheit, eine neue erhabene Dimension.
Zuvor gab das psychedelische Drone-Folk-Kollektiv Espers um Sänger und Gitarrist Greg Weeks seinen Einstand. Gitarristin Meg Baird verriet uns später, dass die Band Espers nun ihr im Frühjahr erschienenes Album Espers II ausgiebig betourt haben, und nach den beiden Shows in Holland geht es zurück nach Philadelphia für eine Pause, und danach weiter zu den Aufnahmen zum nächsten Album. Wir waren seit 6 Monaten fast ununterbrochen auf Tour und spielen die Songs vom neuen Album rauf und runter. Wir fühlen uns ein wenig müde. Es wird Zeit für neue Songs.
Das aktuelle, zweite Album Espers II ist, wie das Debüt auch vor wenigen Monaten auf Wichita-Recordings erschienen. Die space-igen Folk-Songs darauf lassen sich schlicht als das Großartigste bezeichnen, was an dieser Musik gegenwärtig zirkuliert. Greg Weeks Produktion ist einfach fantastisch. Selten gelingt es, diesen ausgetüftelten und fein taxierten Breitwand-Cinemascope-Sound auf CD zu bannen. Greg Weeks erzählt, dass man alle Aufnahmen Schicht für Schicht im hauseigenen Heimstudio aufgenommen hat, beginnend mit den Basic-Tracks aus austauschbaren Bass und Drum-Spuren. Darüber hat die Band dann Instrument um Instrument gelegt und darauf geachtet, dass sich die hochtönenden Interferenzen der einzelnen Instrumente nicht im Signal gegenseitig überschneiden. Schließlich wurden die ersten Bass- und Drums-Basics gelöscht und neu aufgenommen, bis eine nahezu perfekte Klanglandschaft entstand, die beim Hören auch das feinste Flimmerhärchen am Körper zum vibrieren bringt. Diesen Sound live umzusetzen schien schwierig zu werden, und so war die Show der Espers zwar solide aber bedingt durch tourbedingte Verschleisserscheinungen am Ende eher etwas kraftlos. All diesen Differenzen zum Trotz gelang es der Band aber ihren Zauber durch zartbitter-fragile Songs wie Widows Weed und Byss & Abyss zu entfalten. Darüberhinaus sind im weiteren Verlauf des Abends leicht suspekt wirkende Personen benommen und entrückt auf dem Barhocker vor-sich-hin-levitierend gesichtet worden.
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