Jim Thirlwell/Foetus: Car Wash

Zwischen Noise-Terrorist und Bombast-Elektroniker: 1978 kam der gebürtige Australier Jim Thirlwell über Schottland nach London, um als Plattenverkäufer zu arbeiten. Über den Virgin Megastore und bei Konzerten lernte er Nick Cave und Birthday Party sowie die spätere Lebensgefährtin Lydia Lunch kennen, um 1979 - frisch gefeuert und auf Stütze - seine eigene musikalischen Vision zu verwirklichen.

jgt by anne katrine senstadjgt by anne katrine senstad

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als Vorreiter der Sample-Technik schuf Jim Thirlwell seine ganz eigenen Dramen. „Als Kind hatte ich ein wenig Perkussion und Cello gelernt. Aber zum Notenlesen habe ich es nie so richtig geschafft. Ich bin nicht der Typ, der daheim rumsitzt und auf einem Instrument dudelt, von Anfang an war das Studio mein Instrument. Ich habe mir selbst beigebracht, alle Instrumente, die ich zur Aufnahme brauchte, so klingen zu lassen, als könnte ich sie spielen. Ich nutzte mein eigenes, komplexes numerisches System, über den Startklick und einen Zähler bekam das Grundgerüst sein Arrangement übergestülpt. Ich nutzte eine Menge Effekte wie Varispeed, Manipulationen der Studiotechnik, plus Echo und Verzerrer-Pedal. Damals habe ich viel mit Tape Loops gearbeitet, wie auch mit gefundenen Instrumenten. Als ich anfing, gab es die Samplingtechnik noch nicht, aber ich benutzte eine Menge Techniken, die später im organisatorischen Aspekt des Samplings selbstverständlich waren. Ich habe immer noch einen Fuß in der Stone- und den Anderen in der Spaceage.“

Die ersten Singles wie Wash It All Off oder Foetus Under Glass und die 12-Inch Foetus Over Frisco veröffentlichte Thirlwell 1981 auf dem eigenen Label Self Immolation. Alle Foetus Alben waren und sind als Originalpressung sehr gesucht, ein wenig abseits des alternativen Mainstreams gelang es Thirlwell, eine eigene Nische im Markt zu behaupten, obwohl seine Live Shows zwar berüchtigt, aber sehr rar waren. Zwischen den Neubauten, Nick Cave und Motorhead gab es bei den Shows bei Foetus echte Schweinsköpfe auf Holzpfähle gespießt, mit weit aufgerissenen Augen und rosaroten spitzen Ohren. Foetus selbst hängte sich auch mal demonstrativ ein Maschinengewehr um den nackten Oberkörper. Einzelkämpfertum, Besessenheit, Manie, Triebe und die deformierten Urinstinkte sind auch heute noch sein großes Thema.

Kreativitätsschübe.

Thirlwells frühe Alben wie sein Debut DEAF unter dem Moniker You`ve Got Foetus On Your Breath, erstmals seit 1997 nun bei Thirsty Ear re-released, kreuzen sich mit den Release-Dates einiger seiner vielen Aliases wie Steroid Maximus, Clint Ruin, Wiseblood, Manorexia oder Baby Zizane. Auch LOVE, das neueste, etwas zugänglichere aber nicht weniger bombastische Werk unter dem Foetus Banner plus begleitender Remixe als EP sind gerade erschienen: „Die Distanz zwischen mir und meinem Publikum war schon immer recht groß. Meine Kreativitätsschübe haben sich in der ganzen Zeit bisher doch sehr verändert über die Jahre. Als ich anfing, so um 1980, hatte ich zwei Alben, drei 7“ Singles und eine 12“ EP innerhalb kürzester Zeit veröffentlicht. In dieser Zeit hatte ich einfach einen ziemlichen Schub, auch ab 2001 waren es wieder insgesamt 6 Alben in 18 Monaten. Oft ist es die Kombination aus einer Menge Vorarbeit gekoppelt mit Verzögerungen, nicht eine konstante Arbeitsweise, weshalb dann alle Alben in clumps erscheinen. In der Zwischenzeit, besonders in den 1990ern, hatte ich ein absolutes Tief, ich bekam einfach nichts zustande.
Eine menge Dinge kamen da zum Stillstand. Durch Alkohol & Drogen hatte ich einen großen Kampf mit mir selbst zu führen. Die beständige Arbeitsweise ist eigentlich nicht so mein Ding. Manchmal liegen die fertigen Mixe 5 oder 6 Jahre im Kasten, bis sie dann als Album erscheinen. Oft genug habe ich aber auch selbst gar keinen Einfluss darauf. Im Moment arbeite ich so konstant wie noch nie zuvor in meinem Leben.“

jgt by Aylin Gungor/Istanbul 2005jgt by Aylin Gungor/Istanbul 2005Seit der inneren Läuterung begibt sich Thirlwell ins Reich der Arbeitswütigen. Mit einem 12 Mann Ensemble spielt Thirlwell Soundtrack Musik unter dem Namen Manorexia, im Duo mit Jim Coleman (Cop Shoot Cop, Lydia Lunch) produziert er Electronica, gepaart mit audiovisuellen Effekten. Auf die Kunstschiene begibt sich Thirlwell mit CM von Hausswolf, spielt in der Oper Der Kastanienball in München, nestelt recht erfolgreich und beständig an Soundtracks, speziell für die amerikanische Zeichentrick Serie The Venture Brothers. Mit dem Kronos Quartet wird er im Frühjahr 2006 auf Tour in Europa gehen. Sieht man den rothaarigen, schlaksigen Kerl vor sich sitzen und schmunzelnd seine eigenen Antworten goutieren, käme einem nie und nimmer der Gedanke, dass die Fantasie-Protagonisten seiner Songs oftmals recht krude, finstere und vor allem gewalttätige Menschen zumeist männlichen Geschlechts sind.

Auch in seinem neuesten Werk, schlicht LOVE betitelt („das subsummiert jedes Thema darauf....“), schleichen sich wieder die alten, bekannten zwielichtigen Charaktere von hinten heran, schon bei den ersten Zeilen beschleicht uns die Ahnung - das wird nicht gut gehen am Ende. Zu Beginn der ersten Single aus LOVE (Not Adam) zischt der Erzähler giftig wie eine Schlange: Hush now Baby/because the neighbours may be listening/let me relief your suffering...Und schon befinden wir uns mitten drin im typisch thirlwellschen Drama.

Grandiosität & Selbsthass

„Der Erzähler beginnt, ein wenig zweideutig zu sprechen.“ Jim Thirlwell nippt am Espresso. „Es wird im Song nie so ganz klar, ob er die angesprochene Person umgebracht hat. Will er sie besänftigen? Schmeichelt er sie zu tode, oder hat er ihr einen Gefallen getan, sie von ihrem Elend erlöst? Hört man (Not Adam) weiter, stellt man fest, dass die Angesprochene schon tot sein muss. Er versucht nett zu sein, in dem er sagt: Ich brachte dich an einen Ort, wo es dir besser gehen wird..... Es bleibt aber unklar, wie sie umgekommen ist. Dann sagt er: I saw you lying in yr grave/point another mistake/ held a warm place in my heart/now you have begun to fall apart/ theres a warmer place for worms where i can get to you. Also stellt man sich vor, er spricht zu ihr, während sich ihr Körper zersetzt. Die Idee war, dass er sie zu einem wärmeren Ort führt, wo sie nicht mehr leiden muss."

Na, vielen Dank auch, wie schön dass es noch Kavaliere gibt... Woher stammen diese morbiden Fantasien?

„Aus einer Mischung aus Grandiosität und Selbsthass. Du hast als Künstler ein aufgeblähtes Ego, das dir hilft, deine Kunst zu erfüllen. Aber die lebt ja auch von der Unsicherheit, den Zweifeln. Aber ich kenne mich ja nicht mal selbst. Manchmal bekomme ich ein Häppchen Selbsterkenntnis - üblicherweise, wenn ich das am wenigsten gebrauchen kann. Einen großen Teil meiner Zeit verbringe ich mit dieser morbiden Nabelschau und damit, vor allzu schmerzhaften Konfrontationen mit meinem Selbst aus dem Weg zu gehen.“

Und schon hat man einen Sack mit Songs aus Charaktere, die unartige Dinge tun......

„Tun sie das denn?“ fragt er, die Lippen schmal nach unten verzogen - und lächelt.

Na schon, oder?

Also gut, okay. Ich denke aber, das ist ein guter Weg, meine Ideen und Gedanken auszudrücken, mit meinen Dämonen umzugehen, Geschichten, die aus diesem Teil meiner Persönlichkeit stammen, zu erzählen und diese Vorlieben zu portraitieren. Ich denke übrigens nicht, dass diese Gedanken so düster sind...sie sind für mich ein Weg, real zu sein....“

Aber doch nicht deine eigene...?

„Oh ja. Meine Realität. Total meine!“

Und, wie lebst du die sonst noch aus?

„Tja, ich weiß ja auch nicht was der Typ da neben uns so tut. Und werde es wahrscheinlich auf nie erfahren.
Aber auch der ist echt. Meine Gedanken sind aber in jeden Fall realer als dieser Typ.“

Du kennst den Verlauf deiner Charaktere ja auch im Voraus - und wie die Geschichte enden wird.

„Na ja, das lass ich mal offen. Aber wie wirklich kann man Jemanden oder Etwas denn wirklich kennen, ich meine, du magst ein Buch lesen über eine Person, und glaubst diese zu kennen. Diese Person mag vielleicht nie wirklich existiert haben, aber sie nimmt dich mit auf eine Reise, die für dich zur Realität werden kann....ich will sagen, was unsere Träume beeinflusst oder verursacht, mag an sich vielleicht nicht sehr real wirken, kann aber durchaus erreichbar sein, und du kannst fremde Gefühle in den eigenen Träumen als wahr erleben, die dir das wirkliche Leben so niemals erlauben würde. Aber vielleicht hast du recht. Ich kann mich durch meine Songs über Dinge ausdrücken, die ich real nie selbst tun könnte.“

photo: jgt/lydia lunchphoto: jgt/lydia lunchBombast

Jim Thirlwell wird wohl auch in Zukunft seine fantastischen Dramen in Songs übertragen. Während er an Soundtracks für Zeichentrickfilme oder an Audioinstallationen zusammen mit CM von Hausswolf arbeitet, kann er den selbstreferenziellen Ballast hintenan stellen. Über seine realen Beziehungen zu Frauen (wie zur Ex-Freundin Lydia Lunch) mag Thirlwell nicht gerne sprechen. Da diese in seinen Geschichten aber oftmals die Opferrolle besetzen, wäre auch dieses Thema interessant geworden. Die reale Person Thirlwell erscheint aber in jedem Fall smart genug, um seine Dramen und Tötungsfantasien objektiv und aus der Distanz zu betrachten.

Bombast?

„Das bin ich! (lacht) Bombast! Ja, dazu bekenne ich mich....ich habe keinerlei Bedenken, den Bombast für mich zu nutzen.“

Dein Stil?

Meinst du Mode? Vielleicht trage ich meinen eigenen verkümmerten Stil. Uhm...ich fühle mich die ganze Zeit hip-styled.“ (lacht)

Meinst du etwa mid-styled?

“Ja, mid-styled as well (lacht). Ich versuche gerade, diese weißen Schuhe zu tragen.“ (Weisse Lederslipper mit Fransen)

Aber die sind doch eher french-style, oder?

„Das sind weiße Slipper!“

Und das soll ein eigener Stil sein?
Gibt es in Paris nicht eine Menge Leute, die in weißen Lederslippern rumlatschen?

„Ja, mag schon sein. Aber die tragen vielleicht auch keine Socken dazu!“

Na, dieser Punkt geht an Thirlwell. Über das Thema Drogen mag er heute gar nicht reden. Bei einem früheren Interview sprach er aber sehr offen über diese Zeit. Jahre lang hatte Foetus nicht nur seine Bühnen-Alter Egos wie Clint Ruin und Wiseblood mit den handelsüblichen künstlichen Stimulanzien gefüttert. Auf die Abhängigkeit folgt Mitte der 1990er Jahre der voraussehbare Zusammenbruch.
„Ich kam an den Punkt, wo mein Körper eine konstante Menge an Gift brauchte, Tag für Tag. Zuckungen und Krämpfe waren bald an der Tagesordnung, ständig war kam oder ging ich aus der Notaufnahme. Aber all die Drogen und der Alkohol funktionierten irgendwann nicht mehr....der größte Schritt in meinem Leben war der komplette Entzug vor etwa 6 Jahren. Alle Emotionen, die ich die ganze Zeit hinfort medikamentieren wollte, lagen nun völlig nackt vor mir.....aber die physische Anziehung von Drogen ist mittlerweile für mich völlig verschwunden. Da mögen geistige Besessenheiten sein in meinem Leben, mit denen ich auskommen muss, ich habe aber den nackten Weg zu gehen, es gibt jetzt nichts mehr in meinem Leben zu medikamentieren, also muss ich nun andere Werkzeuge finden, um mit meinen Gefühlen umzugehen. Da gibt es viele verschiedene Wege. Oft sind da diese schlechten Gefühle, die ich habe, die um die Ecke auf mich warten, destruktive Gefühle, ich versuche sie zu kontrollieren. Du entwickelst nach und nach Wege damit umzugehen. Konstant zu arbeiten ist Einer, sich entspannen zu lernen ein Anderer. Meistens funktioniert es auch.“
Und falls nicht wird bald wieder ein neues Album erscheinen. Auch lecker.

Foetus: »LOVE«, EP »(Not Adam)« Birdman/Rough Trade
You’ve Got Foetus On Yr Breath: »Deaf!« Self Immolation/Thirsty Ear