Jah Wobble Knows It All


Als Jah Wobble bei PIL ausstieg im Sommer 1980 war die erste Reaktion in den Musikmagazinen Bestürzung, Ratlosigkeit und ungläubiges Staunen. Wieso verlässt jemand freiwillig eine Band wie Public Image Ltd.? Pil waren zwei Sommer lang die größte Band auf Erden, ihre Debut »Public Image Ltd« und vor allem der Nachfolger »Metal Box« waren als das Nonplusultra der geweihten Post-Punk Kunst gehandelt. Fusion: Die neue Avantgarde. Im Hamburger Musikmagazin Sounds wurde heftigst diskutiert, die Fusion zwischen Punk, Reggae, Dub und Freeform schien hier so gelungen. Für einen Augenblick erstrahlte die Welt im Glanz dieser fantastischen Formation, auferstanden aus den Ruinen der Sex Pistols. Alles schien möglich. Bis zum Spätsommer 1980.

Es war die Zeit der Auflösung. Andere Post-Punk Bands implodierten reihenweise, Joy Division etwa mit dem Selbstmord Ian Curtis wenige Tage vor der ersten US-Tournee. The Slits, The Pop Group, Alternative TV - alle waren sie schon verschwunden oder befanden sich im Prozess der Auflösung. »London Calling« von The Clash konnte zwar die Charts erobern, hinterliess aber einen gespaltenen Eindruck in der Gemeinde. Das zweite und letzte Album von Joy Division mit Sänger Ian Curtis - »Closer« - ist zeitgleich erschienen mit der ersten Solo-Scheibe des noch-Pil Bassisten Jah Wobble. Schon beim ersten Abhören von »Betrayal« zeigten sich songfragmentarische Überschneidungen mit einigen schon veröffentlichten Songs von Pil: Die Single B-Seite »Another« auf der »Memories« 12 Inch verwandelte sich leicht modifiziert in der Version auf »Betrayal« zu »Not Another«. Aber auch andere Songs wie »Pineapple«, »Today Is The First Day Of The Rest Of My Life« oder »Betrayal« klangen sehr nach Outtakes der Pil-Metal Box.

Schießlich kam ein Statement von der Plattenfirma heraus, das bekannt gab, dass Jah Wobble ganz und gar nicht freiwillig von Pil gegangen war. Er war gefeuert. Um den Frust über die erzwungene Paralyse während der Zeit bei Public Image Ltd loszuwerden (nur 16 Live Shows in insgesamt 20 Monaten), der miserablen Vergütung (15 Pfund je Woche, plus eine Sondervergütung bei Auftritten) all die Aufmerksamkeit und das Chaos um Ex-Pistol Lydon, den Spannungen innerhalb der Band, liessen Jah Wobble, wie er selbst sagt, die Flucht nach Vorne ergreifen: Man ging in die Manor Castle-Studios, dem HQ Recordingstudio von Virgin Records, holte die bislang (nicht) genutzten Aufnahmen von den Sessions zu »Metal Box« aus dem Schrank und zusammen mit Pil-Drummer Martin Atkins entstand in vier trunkenen Nächten das erste Wobble Solo Album »Betrayal«. Als John Lydon, Keith Levene und Jeanette Lee davon Wind bekamen, waren sie natürlich not amused.

Jah Wobble machte weiter, zu Begin in verschiedenen losen Kollaborationen wie 1981 mit Cans Holger Czukay und Jaki Liebezeit für das Album »Full Circle«, danach gründete Wobble, der mit bürgerlichem Namen auf John Wardle hört, mit Jim Walker, dem ersten Drummer bei Pil, die mit Dub-Reggae experimentierenden The Invaders Of The Heart. Für Wobble selbst fing nun Zeit im Alkoholnebel richtig an. Seine Interviews in komatösen Wachzuständen wie in der Spex 1981 verwirrten, 1984 warf Wobble das Handtuch, wurde Vater und arbeitete zwei Jahre lang als U-Bahn Fahrer in der London Tube.

Das neue Album »Mu«, erschienen auf dem eigenen Label 30 Hertz via Trojan/Sanctuary, obwohl mystisch und fernöstlich angehaucht, führt Jah Wobble zu den Anfängen der eigenen Dub Reggae Sub-Bass Culture zurück und dies nicht allein auf Grund der Beteiligung des langjährigen Freundes und Produzenten Mark Lusardi aus den Tagen von Betrayal.

John, wie sieht es aus: Sind Konzerte für Deutschland geplant?

Eigentlich touren wir schon das ganze Jahr hindurch. Zumindest in England. Im Moment scheint es schwieriger zu sein, eine Tour für Europa auf die Beine zu stellen als beispielsweise für die USA. Das liegt zum Einen daran, dass Deutschland von der Gage ausländischer Künstler bis 30% Steuer verlangt, zum Anderen, dass deren Veranstalter lieber Bands betreuen, die mehr als die durchschnittlich 200 Leute für eine Jah Wobble Show bringen.

Bist du mit deiner derzeitigen Situation unzufrieden?

Im Moment mache ich mir Sorgen um Sanctuary. Ich hoffe, sie zahlen mich aus bevor sie pleite gehen. Naja, ich muss mir halt einen anderen Vertrieb suchen, so sieht es aus. Immer wenn ich dort anrufe, sagen sie mir: »Es ist alles in Ordnung. Mach dir keine Sorgen.« Inzwischen löst aber bei mir dieser Satz höchste Alarmstufe aus. Denn deren Manager werden wohl in jedem Falle ihre Abfindungen erhalten. Der Künstler ist immer der letzte an der Fahnenstange. Aber was solls, alles was ich will ist meine Musik veröffentlichen.....

Dein alter Kollege bei Pil Keith Levene scheint sich mit den selben Problemen herumzuschlagen........

Um ehrlich zu sein, hab ich von dem Typen nichts mehr gehört seit einigen Monaten. Eine Weile war er ziemlich aktiv, er ist mir andauernd über den Weg gelaufen. Wie in »Wildlife«. Ich hatte mir fast wieder einen Ekel geholt. Vielleicht geht es ihm ja jetzt etwas besser im Moment, sonst würde er sich melden. Vielleicht ist er wieder nach Amerika gezogen....Ich habe keine Ahnung. Aber ich halte es lieber mit mir selbst. Ich kümmere mich weder um eine »Szene«, das dumme Music-Biz noch um Leute, die mir einen Gefallen tun wollen. Das brauch ich nicht. Ich bin ein Künstler und mache einfach so weiter wie bisher.

Du bist seit einigen Jahren Literatur Kritiker beim Londoner Independent?

Ja, das stimmt. Das hab ich in der letzten Jahren sehr genossen. Ich bespreche spirituelle Bücher oder Musik-Bücher und all das Zeugs dazwischen. Der Independent hat ja in der letzten Zeit recht erfolgreich gearbeitet.

Die Mitarbeiter dort sind so etwas wie übrig-gebliebene Links-von-der-Mitte-Veteranen. Der Guardian knickt ja ziemlich ein im Moment, aber was mich etwas betrübt ist ja die Tatsache, dass fast jede moderne Zeitung oder Magazin so etwas wie ein »Kulturverbreiter« des neuen Life-Style sein will. Solche Blätter lese ich ja eigentlich nicht. 90% des Inhalts dieser Blätter sind ja von einem fucking PR-Büro vorbereitet und bezahlt. Schrecklich! Hier in England geht es zur Zeit zu wie im Ostblock zur Zeit des Kalten Krieges: Man muss lernen, zwischen den Zeilen zu lesen. Du brauchst echt schon eine innere Antenne um zu begreifen, was z.B. in der Politik wirklich vorgeht.

Dein neues Album »Mu« ist wie auch schon dein Debut »Betrayal« vor 25 Jahren in Zusammenarbeit mit dem Tontechniker Mark Lusardi entstanden. »Viking Funeral«, der erste Song auf »Mu«, erinnert auch stark an »Betrayal«. Ein Zufall?

Nein. Mit Mark Lusardi habe ich schon seit 1978 zusammengearbeitet. Du kennst doch sicher den Zen- Begriff des »Beginners Mind«. »It`s good to always have a beginners mind«! Auch wenn sich dies jetzt ein wenig naiv anhören mag: Meine Songs beinhalten eine Menge Energie, einen sehr positiven Anspruch. Wenn du die Jah Wobble-Alben hörst, dann weißt du, ich bin gerne zu den Aufnahmen im Studio gewesen.

Welche positiven Erinnerungen hast du Zeit bei Public Image Ltd?jah wobble

Oh, sehr viele Erinnerungen. Aber die meisten sind eher trauriger Natur. Ich habe nicht sehr viele gute Erinnerungen zu Pil. Dies alles liegt aber schon so lange zurück, dass ich irgendwann mal aufgehört habe, mich damit auseinander zu setzen. Über lange Jahre hinweg hatte ich an diesen Details zu nagen. Seit kurzer Zeit versuchte ich nun, dies alles hinter mir zu lassen. Vor zwei Jahren lief mir dann dieser Mensch über den Weg: Malcolm Phil Strongman hatte begonnen, eine Biografie über Public Image zu schreiben und trat an mich heran. Natürlich habe ich versucht, ihm zu helfen. Dies sollte die »wahre« Geschichte von Pil werden. Aber kein Verlag wollte etwas damit zu tun haben. Alles, was Pil betrifft, ist still fucked up, sogar heute. Eine böse Zeit!

Erhälst du denn deinen Anteil an den Writer-Credits, den Tantiemen von Pil?

Ja! Jetzt schon. Aber es hat mich sechzehneinhalb Jahre gekostet, bis es soweit war. Irgendwo und bei irgend einer Firma lag dieses ganze Geld gehortet und zurückgehalten, weil dieser ganze Deal mit Virgin-Records so unübersichtlich und beschissen übel war für alle beteiligten Musiker.

Musstest du vor Gericht ziehen?

Nein. Aber ein sehr engagierter Anwalt ist für mich losgelaufen und hat die Sache ins Rollen gebracht. Er ist von Virgin-Music zu den Musikverlegern gelatscht und irgendwann haben die dann mal nachgegeben. Nach sechzehneinhalb Jahren! Kannst du dir das vorstellen? So lange haben wir (auch Levene) keinen Penny gesehen. Diese vertrackte, komplizierte Vertragssituation mit Virgin-Music, den Anwälten, John Lydon, dem Musikverlag, zeigte mir vollständig, welch ein kaputter Haufen dieses Geschäft ist. Als ich anfing, mit Phil Strongman an der Biografie von Pil zu arbeiten, kamen wieder all diese negativen Erinnerungen hoch. Schon anfangs hatte ich das Gefühl, dass die Situation bei Pil verfickt war. Ich konnte mich aber auch daran erinnern, dass wir 1978 mit einem richtig positiven Gefühl an die Sache herangegangen waren. Hör dir das Debut »Public Image Ltd.« doch mal an. Bei »Fodderstompf« kann man hören, wie viel Spaß wir bei der Aufnahme hatten, auch später noch, als die Aufnahmen für »Metal Box« begannen, das für mich ein sehr gutes Album geworden war, das sehr in die Tiefe ging.......

Wie sind die Songs für »Metal Box« entstanden?

Wir haben fast niemals geübt. Nie! Als erstes wurden die Bass-Lines aufgenommen, alle anderen Instrumente wie Gitarre, Drums und die Stimme wurden nach und nach eingefügt. Der letzte Pil Drummer Martin Atkins spielt eigentlich nur auf einem Song auf »Metal Box«. Denn als die Aufnahmen begannen, hatten wir einmal mehr keinen festen Drummer in der Band. Jim Walker, meiner Meinung nach der beste aller Drummer bei Pil, wurde ja nach dem Debut gefeuert. Also haben Keith (Levene) und ich selbst angefangen, die Drum-Tracks einzuspielen. Bei »Careering« beispielsweise war ich an den Drums, Keith spielte den Schlagzeugpart ein bei »Poptones«. Später hatte Robert Dudanski die Drums übernommen. Aber »Poptones« ist nach wie vor mein favourite Pil-Track ever.

Nun, vielleicht hört sich meine Einschätzung über diese Zeit etwas bitter an. Ich habe aber etwas Entscheidendes gelernt: First things first: take care of your business. Erst vor drei Wochen traf ich nach langer Zeit wieder John (Lydon). Wir sind ausgegangen und hatten viel Spass zusammen. Die einzige Person, mit der ich damals wie heute nicht auskommen kann, ist Keith Levene. Trotzdem hielt ich aber auch nach meiner Trennung von Pil Kontakt zu ihm. Bis hinein ins Jahr 1993. Danach musste ich ihm ins Gesicht sagen: Hau ab! Keith hatte alle Leute, die ihm über mich weiter halfen damals, bei denen ich mich für ihn verbürgte, vor den Kopf gestossen. Dies war dann der Letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Er hatte ja seine Heroin-Sucht an der Backe.

Aber zum Anderen muss ich sagen, dass es eigentlich gut so war, dass das ganze Geld aus den Tantiemen von Pil erst so spät kam. Wahrscheinlich hätte ich mich damit damals selbst umgebracht. Ganz sicher hätte ich wohl nichts Gutes mit dem Geld angestellt. Wir waren ja alle noch sehr jung damals, und ich war das Baby der Band. Ich war zwei, drei Jahre jünger als die Anderen. Das Geld von Pil kam zu einer Zeit, als ich es am meisten für meine Familie gebrauchen konnte: 1997.

Unser Deal war schon sehr übel. Es war ein 50/50 Verleger-Deal. Sowas würde heute kein Mensch mehr machen, aber auch damals schon war ein solch unvorteilhafter Vertrag ungewöhnlich. Normal sind etwa 75% zu Gunsten der Band, 20% für den Verleger. Denn alles was ein Musikverleger tun muss, ist eigentlich das Geld aus den anfallenden Tantiemen einzusammeln. Gewöhnlich sagt dein Verleger doch: »Hier, diese Summe hier ist dein Teil, ich verwalte es für dich. Für uns wäre es eher besser gewesen, gar keinen Deal zu unterschreiben als diesen Einen. Oder aber besser selbst eine Verlagsfirma zu gründen. Zu dieser Zeit hätte die eigene Verlagsfirma vielleicht 9% oder 10% des Gewinns geschluckt. Wir aber hatten also diesen 50/50 Deal, noch dazu abgeschlossen auf unbegrenzte Zeit. Wenn dann nach Abzug der Hälfte für den Verleger der Rest der Summe durch vier Songwriter geteilt wird, kannst du dir ausrechnen, was davon über bleibt für den Einzelnen. Das Problem mit Public Image war ja, dass es kein funktionierendes Management oder eine Beratung gab. John Lydon war derjenige, der alle wichtigen Entscheidungen traf. Er alleine hätte das besser organisieren können.

Trotzdem war dies aber eine interessante Zeit, es ist viel und sehr gute Musik entstanden. Wir haben wirklich versucht, uns selbst treu zu bleiben und aufrichtige neue Musik zu machen. Schau mal, eine Menge junger Bands heutzutage haben dieses »Druggy Image«. Aber das kaufe ich keinem ab. Das ist doch alles nur Show. Public Image aber war real und wirklich, wir waren, sagen wir mal, total abgedreht! Einer hing ständig an der Bierdose, ein Anderer auf Weed, der nächste war ständig auf Speed, und noch einer auf Heroin. Es war total verrückt! Eine Menge Zaster wurde verschossen...... totally fucked. Wir haben praktisch alles falsch gemacht.

Bist du denn jetzt wegen der »geliehenen Bänder« für »Betrayal« gefeuert worden?

Well, ahhhh. Generell gesehen hatte ich von unserer Arbeitsmoral total die Schnauze voll. Kaum eine Probe mit der Band, nur eine Handvoll Konzerte in 20 Monaten, immer nur abhängen. Kannst du dir vorstellen, dass wir in den gesamten 2 Jahren als Band nur etwa 15 oder 16 Live-Shows gespielt haben?

Kannst du dich an das Konzert am 4. Mai 1980 in LA Olympic Auditorium erinnern? wobble

An dieses Konzert kann ich mich sehr gut erinnern. Es gab da einen großen Fight wärend der Show. Ich war sehr überrascht, als all diese Skinheads ankamen und stunk machen wollten. Schau mal, ich bin mit dieser Skinhead-Culture aufgewachen, da wo John und ich aufgewachsen sind (Council States, North East London Satellite) gab es jeden Tag Schlägereien. Aber als wir in 1980 in Los Angeles ankamen, erwartete ich ein völlig anderes Publikum, so Leute in Shorts mit dem Surfbrett unter dem Arm. Statt dessen lungerte vor dem Auditorium der gleiche Mob wie in meiner alten Ecke. Es war Unglaublich! Trotzdem, wir hatten bislang so selten Konzerte gegeben, ich wollte einfach da rausgehen und spielen.

Nun also, um zurückzukommen zu Betrayal: Ich bin dann im Frühjahr 1980 mit den Virgin Tontechnikern Mark Angelo und Mark Lusardi ins Studio gegangen habe mir die bisher nicht genutzten Backing-Tracks von Pil geschnappt. Mit den Bändern unter dem Arm bin ich dann raus nach Manor Castle gefahren. In diesen London Oxfordshire-Studios, in denen der großteil von »Metal Box« entstanden ist, mussten wir ja one-bloody-thousand-of-pounds-a-day zahlen. Ich hatte mir nur die Backing-Tracks genommen, die ich auch selbst (mit) eingespielt hatte und (die bisher) nicht genutzt waren. Ich wollte irgend etwas daraus machen, sie veröffentlichen. Ich wurde damals ja nicht einmal richtig bezahlt. Wenn ich Glück hatte, waren 60 Pfund die Woche drin. Alles dies war ja ein complete fuck-up. Damals dachte ich, John und Keith würden wohl über meine »Betrayal« Scheibe lachen. Heute sehe ich das anders. John bereut heute natürlich auch so einiges. John war aber der Typ in der Band, der es nötig hatte, die Anderen zu kontrollieren. John hätte besonders Keith besser unter Kontrolle halten müssen. Das sagt er jetzt selbst auch. Aber, naja,...John ist halt John.

Ich bin jetzt 47 geworden, damals, als alles Anfing mit Pil, war ich gerade mal 19 Jahre alt. Aber wenn ich heute noch sauer auf die Jungs wäre, wäre ich ja verrückt. Pil hat mir viel gegeben, die Band hat mir den Anstoss zum Musikmachen gegeben. Trotzdem denke ich heute, dass wir nicht unser möglichstes Potential ausgeschöpft haben. Ich war ständig so sauer und frustriert, dass es in der Band Pil Leute gab, die gar nicht dazu gehören sollten. Wie Janette Lee. Diese Frau war doch wohl ein blödes Groupie. Eine Klamottenverkäuferin! Im »Sex«-Shop an der Kings Road stand sie an der Kasse. Zuerst war sie mit Don Letts zusammen. Danach mit Keith. Was sucht ein verdammter Shop-Assistent in einer Band? Im Grunde war es der Gedanke: Lasst-uns-alle-so-tun-als-wären-wir-Performer-ja? Schau, ich komme aus der Arbeiterklasse. Ich kann diesen Middle-Class-Nonsense-Hippie-Arty-Shit nicht gebrauchen. Wenn ich das heute zu John sage, lacht er und sagt zu mir: »Man, you`re a fucking riot«.

Aber es stimmt, Keith und ich kamen nie besonders gut aus. A good musician, but bad spirit. Wenn wir zusammen mit Pil auf Tour gingen, bekam Mr. Keith seinen cold turkey. Aber dies war nur die eine Seite des Problems, es entstehen viele Differenzen, wenn du in einer Band arbeitest.Ich dachte mir: Fuck this! So kann das nicht weiter gehen. Ich mache eine Solo-Scheibe und habe Spass damit.

Stell dir vor: Kürzlich habe ich zufällig auch Janette Lee wieder getroffen. Sie arbeitet jetzt bei Rough Trade, ist also immer noch im Music-Biz aktiv. Heute ist alles vergeben und vergessen. Aber damals sagte ich mir: »Was wirst du jetzt tun? Ihr ihre blöde Kamera in die Fresse werfen?« Es schien alles völlig auswegslos. Aber John und ich, wir beide kommen aus der Arbeiterklasse. Die Gang-Mentalität steckt in uns wie eh und jeh. Die erste Regel in einer Gang lautet: Steht zueinander, haltet zusammen! John hatte versäumt, uns zusammen zu halten. Er sieht dass jetzt auch so, da sind wir uns beide einig. Damals dachte ich mir öfters: Keith needs a slap! Du schnappst dir den Kerl, scheuerst ihm eine, und knallst seinen Schädel gegen die Wand, oder? Er hätte an die Leine gehört. Und wenn das nicht möglich ist, get rid of him. Aber glaube mir, das genau hätten wir damals tun sollen. Heute ist das alles kalter Kaffee. Heute sage ich John: »Hey, nichts für ungut, aber du hast damals eine falsche Entscheidung getroffen!«
Aber heute ist das egal. Ich habe all diese Alben gemacht, die ich auch alle machen wollte. Nach Pil lief alles, wie es laufen sollte. John hat ein wenig länger gebraucht, um Keith ein paar Jahre nach mir fallen zu lassen, und ich habe mich weiter mit Keith abgegeben, bis zu diesem Tag 1993.

Keith war ein guter Gitarrist. Hör dir das Pil Debut an. Aber auf halber Strecke bei den Aufnahmen zu »Metal Box« fühlte ich, dass er schlapp machte. Alles wozu er noch lust hatte, war an den Knöpfen dieses fucking Synth rumzuspielen. Das Beste, was Keith vorweisen konnte, war sein Gitarrenspiel bei »Poptones« und beim Song: »Public Image«. Diese ganze Heroin-Scheisse erwischte ihn halbwegs in der Mitte der Aufnahmen zu »Metal Box«. Er legte seine Gitarre bei Seite und begann nur noch am Synthesizer rumzuspielen. Denn mit seinen Gitarren-Songs hatten wir angefangen: »Memories«, »Albatross«, »Swan Lake«. Danach bekam er seine Gitarrenparts nicht mehr zusammen. Ich bin fast verrückt geworden vor Sorge. Ich fragte Keith: »Was ist los? Warum spielst du nicht richtig Gitarre?« »YA, ich spiel die blöde Gitarre nicht mehr.....!« Aber das konnte er ja auch gar nicht. Und auch keine Konzerte mehr geben.....

Ich finde, ihr habt damals live einen anständigen Sound hinbekommen.....

Ja, schon - Wir haben 1978 zwei Konzerte im Rainbow Theater gegeben. Zwei Tage nacheinander. Danach begann die Europa-Tour. Zuerst Brussels, danach Paris. An Brussels kann ich mich gut erinnern. Da gab es eine Schlägerei zwischen Band und Security. Ich bin auf der Bühne mit einem Schweinskopf k.o. geschlagen worden. Als mich das ding traf, gingen bei mir die Lichter aus (lacht). Ich bin mit einem Scheinskopf auf meiner Brust zu mir gekommen. Die Polizei war da. Es war ein gottverdammter Aufstand jedesmal auf unserer Tour. Ich war spät dran und wollte durch den Hintereingang rein. Ich sagte dem Türsteher, ich bin in der Band, lasst mich rein. Der sagte: Yeah, fuck off! Ich erwiderte: Aber es ist halb Zehn, ich müsste eigentlich schon auf der Bühne stehen! ....Auch an zwei Shows in Manchester kann ich mich erinnern, Futurama in Leeds, danach sieben Shows in den USA und Kanada. Wir reden hier über insgesamt 15 Shows in 2 jahren, right? Wir waren nie in Holland oder Deutschland. Aber nach Paris sind wir dann zweimal gefahren. Das Live Album Paris Au Printemps nahmen wir mit einem Revox-Recorder auf, es war die zweite Show, glaube ich.

Ich muss mit einem weinenden Auge daran denken, dass wir nicht erreicht haben, was wir uns vorgenommen hatten oder was wir hätten erreichen können. Kannst du dir vorstellen, wie frustrierend es für mich war? 15 fucking Shows in zwei Jahren! Eine Menge Leute, die involviert waren gaben auf. Denk nur an Jim Walker, dem ersten Drummer bei Pil. Er gab auf. Und er war ein fantastischer Drummer! Nach First Issue wurde er auf den Schrott geworfen!
Vielleicht bekommst du so eine Idee davon, wie glücklich ich war, um von Pil befreit mit Holger Czukay und Jacki Liebezeit zu spielen?

Ich erinnere mich noch an die Tour in Amerika, wie ich auf der Fahrt zum Civic Auditorium im Rücksitz einer riesiegen weissen Limousine saß - mit TV und allem - was für mich als 18-19 Jähriger einfach unglaublich war. Durch den ganzen Drogennebel hindurch hämmerte mir ein Gedanke im Kopf: Eigentlich ist es doch klasse dass ich hier sitze und gleich spielen werde, warum aber fühle ich mich dabei so unglücklich?

Und jetzt die Familie?

ja, ich habe zwei Kids aus erster Ehe und zwei jüngere. Chrissie, meine älteste Tochter ist jetzt 22 alt geworden und spielt Drums in einer Band. Meine beiden Söhne, John und Charlie machen alle Musik. Ich halte sie nicht dazu an. Sie selbst wollen das tun. Sie spielen so Country & Western Zeugs. Charlie spielt Gitarre. John die Drums. John ist ein großer Keith Moon Fan. Ich praktiziere inzwischen Yoga, aber als aktiver Buddhist, was ich nicht bin, must du drei Aufgaben erfüllen: Surrender 1st to Buddha, 2nd to the Dharma and 3rd to the Buddhist Community. You gotta seek some refuge.

 

Das Gespräch mit Jah Wobble fand statt im Oktober 2005

 

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