Ein Konzert von Heathen Shame oder den Major Stars sollte man auf keinen Fall versäumen. Heathen Shame sind die experimentale Inkarnation des Ehepaares Kate Village/Biggar und Wayne Rogers. Die beiden Musiker stammen aus dem Umfeld von Boston und betreiben seit 1983 das Label Twisted Village, auf dem sie regelmässig in wechselnder Besetzung als Christalized Movements, B.O.R.B, Luxurious Bags, Magic Hour, Vermonster, Heathen Shame, Wayne Rogers und Major Stars Alben veröffentlichen. Ihr Sound könnte man als retro bezeichnen, ist aber cool - RocknRoll pur, vorgetragen im klassischen Line-up mit zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug. Elemente aus Raga und Drone werden als trans-psychedelic Basics mit in den wall of sound eingearbeitet.
Bei Heathen Shame wechselt Kate von der Gitarre zum Moog, Greg Kelley pustet Trompete und Wayne versucht wie bei den Major Stars auch, den Verstärker mit multiplen Feedbackschlaufen zu sprengen. Die 7-Inch Black Road/Pocket und die Alben Major Stars 4 sowie Synoptikum sind aktuell auf Twisted Village erschienen. Das Interview wurde in einem ziemlich belebten Cafe am 1. July 2006 aufgenommen, direkt nach der Show von Heathen Shame im Tonic, Downtown NYC. Am 4. Dezember 2006 spielen die Major Stars live im Berliner Club Bassy. Siehe auch berlin-to-go.
Ihr habt 1983 als Crystalized Movements angefangen mit dem Album Mind Disaster. Meine erste Scheibe von Twisted Village war Vermonster - Spirits of Yma.
Wayne: Vermonster existierte von 1990 bis 1993. Wir haben in dieser Zeit drei Alben veröffentlicht: Spirits Of Yma, Instinctievely Inhuman und The Holy Sound Of American Pipe.
Kate: Das japanische Label Time Bomb hatte American Pipe re-released als CD plus einer 3-Inch CD. Ya-ya, die sind schon ein wenig übergeschnappt (lacht).
War das von euch so geplant mit der 3-Inch CD?
Wayne: Nein, nicht in der Vorbereitung. Die Laufzeit von American Pipe hatte die 80 Minuten CD-Aufnahmekapazität überschritten, also hatte die Leute bei Time Bomb beschlossen, den letzten Song auf eine 3-Inch CD zu packen und beizulegen (lacht).
Ihr seid von Boston weggezogen?
Wayne: Ja, nach Somerville nahe Connecticut, in Massachusetts, etwa 2 Stunden Fahrzeit mit dem Auto nach Boston. Das war 1992. Den Plattenladen Twisted Village haben wir dann 1996 aufgemacht.
Wie sieht denn eure Laufkundschaft heute aus?
Kate: Sie wird jünger und smarter. Die Kids heutzutage scheinen aufgeweckter zu sein als zu unserer Zeit. Ganz schön beängstigend. Pretty professional. Ich denke, die College/Highschool-Kids wissen heute so viel besser bescheid als früher. Das kann man sich kaum vorstellen. Vielleicht liegt es am Internet, dieses verdammte Internet. Text Messaging! (lacht). Sie stellen sich ihre ureigene Prog-Rock Pandemonium-Compilation zusammen. Früher waren sie entweder an Jazz oder an Hardcore interessiert, heute stehen sie, ich meine zumindest unsere Kunden, auf viele verschiedene Genres gleichzeitig.
Wayne: Als wir mit unserem Label anfingen, wollten wir auf jeden Fall vermeiden, zu sehr in die Psychedelic-Ecke zu geraten. Denn wenn man sich in eine Richtung festlegt, finden sich immer nur die gleiche Art von Klientel zusammen.
Kate: Ja, man steht dann auf Chesterfield Kings, trägt Paisley-Hemden und schon steht man ein der Psychedelic-Ecke. Mit unseren Bands Christalized Movements oder Vermonster haben wir immer versucht, nicht zu sehr in irgendeine Ecke zu geraten.
Aber ein gewisses psychedelisches Element spielt schon eine Rolle in eurem Sound....
Wayne: Natürlich stehen wir auf psychedelic-music. Aber das macht die Sache ja auch spannend.
Das Wayne Rogers Solo-Album All Good Works klingt besonders spaced out, aber gleichzeitig auch total basic.
Wayne: Ja, denn die einzigen Instrumente die darauf zu hören sind, sind Guitar, Bass, Drums.
Das Album ist 1995 erschienen, kannst du dich erinnern, mit welchen Tools du diesen speziellen Gitarrensound erzeugt hast?
Kate: Das Wah-Wah Pedal!
Wayne: Oh, das wird schwer. Ich erinnere mich kaum noch an Einzelheiten bei der Aufnahme. Woran ich mich erinnere ist, dass ich mir für dieses Album einen anderen Amp besorgt hatte um verschiedene Sounds zu testen. Für die Rhythm-Tracks haben hatten wir den Sound direkt vom Verstärker genommen, also keine Pedals dazwischengeschaltet. Für die Solo-Gitarre habe ich dann den Reverb aufgedreht.
Kate: Aus diesem Grund benutzen wir fast immer die kleinen Amps. Mit einem kleinem Amp bekommst du so viel mehr Information-Treble, den kannst du gut übersteuern.
Wayne: Mit den kleinen Amps bekommst du die Kurzwellenübertragungen besser hin. Die großen Amps klingen dann einfach nur laut bei der Übersteuerung. Das verändert den Klangcharakter zu sehr.
Kate: Die großen Amps schreien förmlich nach Hilfe! (lacht) Aus sich alleine gestellt sind die sowas von hilflos.
Wayne: Für unsere Konzerte nutzen wir natürlich schon größere, aber zumeist ältere Röhrenverstärker. Es ist schwer möglich, mit diesen kleinen Amps live ein anständige Signal zu erzeugen. Der Aufnahme-Prozess im Studio ist eine völlig andere Situation als live. Michio Kurihara, der Gitarrenspieler von Ghost, schenkte mir mal einen dieser kleinen Übungsamps. Ich sagte, oh danke, und dachte, mmh, was soll ich damit anfangen. Und er sagte, probier ihn aus für die Aufnahmen, das Ding erzeugt einen fantastischen Sound. Oh wirklich, sagte ich, und er: Ja! Ich war ziemlich überrascht, dass er das ernst meinte. Und während der Aufnahmen zu unserem nächsten Album bin ich mit der Gitarre über den kleinen Übungsverstärker direkt in Mixer gegangen. Da kann man dann all die kleinen Klangfarben direkt steuern - am EQ drehen beispielsweise. Das ist schon ein Witz. Da nimmst du diesen kleinen 20-Dollar Mini-Amp, der locker in deine Hosentasche passt, und stichst all die teuren Verstärker für die Aufnahmen aus. Die Dinger haben in etwa die Größe einer Zigarettenschachtel.
Kate: Keine Knöpfe, keine Schalter, kein Lautstärkenregler, da ist gar nichts zum Drehen dran. Du steckst das Kabel rein und los gehts (lacht). Ich meine, deren höchstes Lautstärkenvolumen ist vergleichbar mit dem Pegel bei einer Unterhaltung.
Wayne: Aber die Schaltungstechnik ist erstaunlich. An die so entstandenen Songs erinnere ich mich im Nachhinein sehr gerne, im Gegensatz zu den Aufnahmen bei Christalized Movements oder mit den Major Stars wo es alleine darum geht, den Verstärker zum Jaulen zu bringen.
Ihr versucht also mit jeder Formation, ob als Wayne Rogers oder als Major Stars, verschiedenes Equipment zu nutzen....
Wayne: Naja, mit den Major Stars bleibt das Equipment konstant. Nein, wirklich. Da wird nicht viel verändert. Das gibt den Charakter dieser Band. Wobei Christalized Movements oder mit Vermonster ist der Unterschied im Großen und Ganzen ein anderer Schlagzeuger. Hier versuchen wir, unsere Basics möglichst einfach und konstant zu gestalten. Wir arbeiten mit den selben Mitteln an neuen Sounds, eher weniger mit austauschbaren Tools oder den sehr alten Amps.
Orientiert sich euer Sound an anderen Bands?
Wayne: Oh well, darüber habe schon lange nicht mehr nachgedacht. Aber gut, dass du jetzt fragst (lacht). Zuallererst sind es spezielle Charakterzüge, die Nuancen, die mir an anderen Bands gefallen. Ich achte auf den Sound der Rhythmusgitarre, auf das Wah-Wah, ob es ein bestimmtes Key-Pedal gibt, ob der Sound zusammengeklebt wirkt oder nicht, ich bevorzuge den simplen aber warmen Sound. Den Wah Wah nutze ich ja selbst ausgiebig, aber auch nicht immer, irgendwann hab ich mal ganz damit aufgehört, ihn für die Aufnahmen zu benutzen, nur um mal einen Unterschied zu hören. Meistens ist ein Equalizer im Spiel, die Mitten dabei möglichst hoch aufgedreht, das erzeugt einen sehr warmen Klang. Darüber lässt sich dann prima ein Solo-Gitarrenmotiv legen.
Zur Zeit konzentriert ihr euch aber auf Major Stars?
Wayne: Ja, wir hatten immer so etwas wie ein Hauptprojekt und verschiedene Nebenprojekte laufen. Die Band Vermonster war zum Beispiel immer so etwas wie ein Nebenprojekt. Zu dieser Zeit waren wir total mit Magic Hour beschäftigt. Von 1997 bis heute bekommen die Major Stars unsere Hauptaufmerksamkeit. Das Line-up hat sich natürlich über die Jahre verändert. Scott Mcleod beispielsweise lebt heute in Wisconsin. Er ist nach Vermonster mit den Magik Markers auf Tour gegangen, jetzt schreibt er Kinderbücher.
Kate: Nachdem wir 1995 mit Ghost unterwegs in den USA auf Tour waren, blieb die Band für ein paar Wochen bei uns in Massachusetts. Eines Abends ging deren Bassist unsere Platten durch und fand Vermonster, Sprits Of Yma. Oh, I love Vermonster, himmelte er und fragte: Was ist aus dieser Band geworden? Es stellte sich heraus, dass seine letzte Freundin mit all seinen Vermonster-Scheiben davon lief. Das hat ihn ziemlich mitgenommen. Armer Kerl.
Oh Boy. Bei dem Lautstärkenpegel hier wird das Übertragen dieser Unterhaltung hier sicherlich kein Kinderspiel.
Kate: (lacht) Dabei kann dir vielleicht Thomas helfen, unser Sax-Spieler. Er stammt aus Deutschland. Er wäre gestern fast ausgeraubt worden bei seinem Spaziergang durch Brooklyn. Sie haben ihn an die Wand gedrängt und versucht, seine Taschen zu durchwühlen. Weil ein paar Leute vorbeikamen, sind die Typen aber dann abgehauen. Thomas entwickelt gerade eine ziemliche Sehnsucht nach dem sicheren Berlin (lacht).
Sicheres Berlin? Da gibt es auch ziemlich dunkle Ecken...
Kate: Ja, wir sollten Thomas in jedem Fall begleiten auf seinen Ausflügen.
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