Mouthus: Eskimo Kings

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Brian Sullivan und Nate Nelson sind Mouthus. Ihr mit vorwiegend konventionellen Instrumenten in diversen Live-Sessions eingespielter experimenteller Freestyle-Noise Bogus tauchte zum ersten Mal 2004 als selbstbetiteltes Album auf dem Label Psych-O-Path auf. Das Mouthus Headquarter liegt in der Bedstuy-Area im Nordosten Brooklyns. Während Brian live zwischen zweisaitigem Bass, einer derangierten Gitarre oder den im Pappkoffer plazierten selbstgebastelten fucked-up Electronics wechselt, knirscht und schabt Drummer Nate Nelson den perkussiven Part auf ausrangierten Teilen aus Plastik oder Metall. Das klingt sehr oft sehr fantastisch.

Das Duo Mouthus ist als eine der ersten Bandformationen eingestiegen in den Maelstrom des Noise, in die Freestyle Schwemme aus live improvisiertem Rauschen, das sich inszwischen als eigenständiges Musik-Genre nicht eben etabliert, aber dennoch durch unzählige Konstellationen und Konzerte bleibend verselbstständigt hat.

Heute, nach vier turbulenten Jahren haben sich Sullivan und Nelson, nicht nur durch das mit Double Leopards gemeinsam mouthusgenutzte fensterlose Kellerstudio, in eine Vielzahl von Nebenprojekten verzweigt. Mit den beiden Double Leopards Mike Bernstein und Maya Miller betreibt Nelson das Ambient-Projekt Religious Knives. Ausserdem wird bald Nate Nelsons zweites Solo-Album unter dem Moniker Afternoon Penis erscheinen, allerdings nicht wie das Debut »In The Evening« als C-20 Tape bei Bersteins Label Heavy Tapes, sondern als # 10 auf dem Mouthus eigenen Label Our Mouth. Hier gibt es auch das vorzüglich trashige »Bigger Throws«, die Drone-Kooperation Axolotl/Mouthus/Skaters »Live At KDVS«, Chaw Mank »Vol. One« (Mouthus & Sightings), halbakustische, epische drones bei »The Exploder« von White Rock, dem neuen Projekt um die beiden Double Leopards Maya Miller und Mike Bernstein zusammen mit Sullivan & Nelson.

Brian Sullivans Solo-Debüt »Eskimo King« ist kürzlich als Our Mouth # 9 erschienen. Sullivans Involvment in die dream music-ähnliche Gestalt White Rock kulminierte jüngst in einer abgefahrenen Live Show auf dem No Fun Fest.

Das No Fun 2005 war auch für Organisator Carlos Giffoni der Anlass, mit Sullivan ein weiters Instant-Projekt zu starten. Zusammen mit Chris Corsano (Sunburned Hand Of The Man, Corsano-Flaherty Duo, Cold Bleak Heat) und Trevor Tremaine (Hair Police) wurde für eine Live-Session das intuitiv arbeitende Death Unit einberufen. Ihr Debut ist vor einigen Wochen auf Hospital Recordings erschienen. »Only Death Is Certain« ist ein etwas chaotisch anmutendes Improvisations-Free-Style Monster geworden, das astral und mit voller Wucht Electro-, Jazz- und Industrial-Elemente zerbeisst.

Das Interview mit Brian Sullivan fand am späten Abend des 5. July 2006 am Borough Hall Court House statt. Nate Nelson befindet sich zu dieser Zeit mit den Religious Knives auf US-Tour.

Unit könnte man fast als ein Super Group Projekt betrachten. Jedes einzelne Mitglied
ist mit der eigenen Formantion beschäftigt. Wie oft seht ihr euch?

Nun, Death Unit ist ja ein ziemlich frisches Projekt, Carlos Giffoni organisiert unsere Treffen, aber eigentlich treffen wmouthus_3ir uns erst zur Show.

Ohne Probe, ohne Absprache?

Nein, aber ich für meine Seite würde das gerne tun, um sich auf die anderen Personen einzustellen, um sich eintunen zu können. Leider treffen wir uns erst kurz vor der Live-Show. Thats it. Alles dreht sich bei Death Unit um die freie Improvisation.

Wie fühlt sich das an?

Well, you know - als Death Unit 2005 zum ersten Mal zusammenfanden, war ich bis kurz vor der Show noch nicht einmal informiert, mit wem ich nun zusammen spielen würde. Obwohl ich Corsano, Tremaine und Giffoni eigentlich recht gut zu kennen glaube, würde ich mich schon wohler fühlen, selbst auf Improvisations-Basis, und selbst wenn eine Band samt Show als Projekt auf der Stelle entsteht, wenn man die Sache vorher etwas absprechen könnte.

Aber selbst Mouthus versteht sich als ein on-the-spot Projekt?

mouthus_2Nein, nicht in diesem Sinne. Wir kommen öfters zusammen und improvisieren, thats it. Ich denke nicht, dass sich Mouthus und Death Unit in dieser Sache vergleichen lassen. Zum einen kenne ich Nate schon viel länger und besser als etwa Chris, zum anderen sprechen wir uns immer vor der Session ab in welche Richtung sich die Sache bewegen soll oder wird. Zuerst kommt die bei Mouthus die Idee, einer sagt: Let´s try this rhythm, or this theme. Manchmal tun wir das auch nicht, dann klickt es einfach ohne Hinweis für den Anderen, aber diese Dinge entstehen eben natürlich, weil wir uns so lange kennen.

Ich vermute eben, die Qualität der Musik bei Death Unit könnte davon profitieren, wenn wir uns selbst gegenseitig ein wenig mehr Zeit widmen würden. Nur um zu wissen, was gerade den Anderen beschäftigt, wie er drauf ist und so weiter.

Death Unit versteht sich also als reines Improvisationskollektiv. Jedermann involviert kennt sich mit dieser Ausdrucksform aus. Wozu nun all die Ambition, die künstlich herbeigeführte Kontrolle? Man könnte doch sagen: »Okay, lasst uns zur Show zusammen finden, drauflos spielen und einfach sehen, was passiert?

Tja, das tun wir ja. Es kann gut gehen, aber auch komplett an die Wand fahren. Ich würde es nicht als überambitioniert bezeichnen, wenn ich mir vorstelle, dass sich die Leute, mit denen man etwas erarbeiten will, zuvor ein wenig aufeinander einstellen.

Vollständig unvorbereitet zu sein bietet aber auch die Chance, etwas völlig Unvorhergesehenes zu erreichen...

Ich denke, in New York existiert inzwischen so viel frei improvisierte Noise-Musik, dass man, um ein höheres Level zu erreichen, oder die nächste Ebene, eher an einem bestimmten qualitativen Standard arbeiten sollte.

Hunderte von Leuten kommen hier an jeden Tag zusammen und improvisieren frei, und ich mache das ja auch. Aber wenn ich auf lange Sicht in einer bestimmten Formation bestehen will, möchte ich zumindest wissen, wie meine Musiker funktionieren...

Um auf die nächste Ebene zu gelangen.....

Ja! Eine Menge Leute hier in New York arbeiten auf der Improvisationsbasis. Sie machen größtenteils einen guten Job, aber wenn nicht, dann verfängt man sich leicht im Fehler-Modus, im Wichsen. Ich möchte nicht einfach nur einen Klangraum auffüllen.

In Bezug auf die Improvisation lege ich Wiederholungen sehr wohl als negativ aus. Nicht in Bezug auf ein Thema, eine musikalisch durchdachte Struktur wie bei Can. Wiederholung bedeutet für mich in diesem Fall, dass man auf ausgetretenen Pfaden läuft. Mit dem Begriff »Improvisation« schwingt hier in New York eine Menge negativer Betonung mit. Niemand will ernsthaft zurück in die Siebziger Jahre, wo die Gitarrensolos niemals enden. Die Leute damals haben ihre Sache eigentlich recht gut gemacht. Genau so die Leute in den Achtzigern. Und Neunzigern....of genug tun sie dies immer noch (grinst). You know, diese ganze Improvisationsschiene um Typen wie John Zorn. Sie geben sich so offen, aber im Grunde spielt sich das ab unter den restriktiven Regeln, die wir ja alle kennen.

Was braucht es um musikalisch neue Wege zu finden? Die richtige Einstellung, Intuition, Wut?

In jedem Fall alle drei. Ich glaube, man sollte auch einen guten Abstand zu sich selbst halten, man sollte fähig sein, instinktiv zu arbeiten. Ich denke niemals über die eigene Musik nach. Wofür? Wenn du spielst und bei denmouthus_5 Aufnahmen, so nach und nach, wird es dir klarer und klarer..... Man geht dazu über, sehr selektiv zu arbeiten. Obwohl die meisten Tracks auf den Mouthus Alben erste oder zweite Takes sind. Wir probieren etwas aus und einer sagt: »Das war gut. Lass es uns nocheinmal versuchen, nur besser.« Nate und ich drehen ja beide nebenbei Filme. Vielleicht entstehen deshalb so ambiente, düstere Elegien wie auf »Dark Globes«...

...als Soundtrack gedacht?

Nein, kein Soundtrack! Wenn kombinieren nur die Stücke auf unseren Alben..... Wir schneiden alles auf Band mit um dann, vielleicht Monate später, zu sagen: »Oh, das hier passt ja thematisch zu diesem Stück und zu jenem.« Oder: »Dieses Stück würden zu jenen Anderen passen, wäre es nicht so grottenschlecht. Also: Trash it.

Einiges Material wird so natürlich entsorgt, auf andere Sachen kommen wir später zurück, und nur wenige Tracks erscheinen gleich auf einem neuen Album. Auf diese Weise ist auch das Album »Dark Globes« entstanden. Wir achten schon auf Homogenität.

In der Fotografie bedeutet der Begriff »Noise« in etwa eine grobe Körnung. Könnte man Noise-Musik als so etwas wie ein Film aus statischem Flimmern betrachten?

mouthus_4Ja, oftmals wollen wir nichts als eine Wand aus Noise oder Grains erzeugen. Wenn ich danach unsere Sachen mixe, geht es mir nicht so sehr darum, hey, welches Stelle im Song ist jetzt das Highlight, die Gitarre oder eher der Drum-Part? Alles soll zusammen fliessen, wie ein Strom. In diesem Moment sind dann Nate und ich keine Individuen mehr, wir verwandeln uns in etwas Anderes, in einen grossen, pulsenden Klumpen aus .....Dreck?(lacht).

Der Name »Mouthus« entstand ja aus einem Missverständnis zwischen dir und Nate. Verspeisst ihr euch gerne gegenseitig beim Improvisieren?

Lustig. Genau die selbe Interpretation gab es schon einmal. Ich denke, wenn sich zwei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten dem Aufnahmeprozess unterziehen um auf musikalischer Ebene zu verschmelzen, dann ist das erstmal nur gut für den Ego des Einzelnen. Aus diesem Grund aber haben wir beide auch unsere Solo-Projekte laufen.

Wie steht es um White Rock?

mouthus_6Das Debut auf Troubleman nennt sich »Tar Pit«. Es unterscheidet sich sehr von »The Exploder«. Vor zwei Jahren sollten wir für Troubleman kurzfristig das Material für ein Album liefern. Ich nahm mir also die Tapes vor, die mir von den Sessions mit Double Leopards zur Verfügung standen, und habe daraus das Material für Tarpit zusammengestellt. Es sollte so etwas wie eine Collage werden, wobei White Rock heute eher nach »The Exploder« klingen. Diese Aufnahmen entstanden etwa einen Monat vor No Fun 2006.

Seit welchem Zeitpunkt existiert White Rock?

Seit etwa November 2004. See, we had all these tapes. I put together Tarpit, and then we didn´t play for a year. Aber ich sehe die Leute von Double Leopards ja sowieso die ganze Zeit, weil wir uns den Proberaum teilen. White Rock spielen vielleicht drei Mal im Jahr. Als wir für No Fun eingeladen waren, sagten wir uns: es ist wohl mal wieder an der Zeit zu spielen. No Fun live war für White Rock ebenfalls komplett improvisiert. Wir waren gespannt darauf, wie wir nach so langer Zeit wohl musikalisch zusammenfinden würden.

Nun, was ist jetzt der Unterschied beim Improvisieren mit White Rock oder mit Death Unit?

Naja, Mike und Maya sind nunmal Freunde. Mit Carlos bin ich zwar auch befreundet, aber wir hatten vor der ersten Death Unit Show noch niemals zusammen gespielt. Selbiges gilt für Chris Corsano und Trevor Tremaine. Carlos hat sich einfach den Namen »Death Unit« ausgedacht ohne zu wissen, wer mit dabei sein würde. Er hat sich und damit uns einfach erfunden und angekündigt. Vielleicht hab ich mich auch verhört....(lacht). Naja, mit Mouthus standen wir ja eh auf dem Programm, also sagte ich: Okay, ich spiele mit bei Death Unit. Später, kurz vor der Show, habe ich dann Chris Corsano getroffen, und sage zu ihm: Hey, mit dir werde ich später auftreten.....und er antwortet ziemlich überrascht: »Oh!« (lacht).

Wie entstand die Idee für das Death Unit Debut bei Hospital Productions?

Da Death Unit zum größten Teil Carlos Idee ist, bestimmt er auch den Ablauf der Aufnahmen. Wir haben bis zum Mai diesen Jahres zweimal zusammen gespielt. Die Aufnahmen der Death Unit Show 2005 landeten zum Teil auf dem No Fun-eigenen Label. Für die Session zu »Only Death Is Certain« hätten wir uns etwas mehr Zeit bei den Aufnahmen lassen sollen, wir hatten ja nur einen Tag im Studio.

 

OURMOUTH 


 


 


Zac Davis (Lambsbred) & Brian Sullivan (Mouthus) Mai 2008 @ Silent Barn/Brooklyn video : hairentertainment.com