MULTIPLE OTOMO/METAL MACHINE MUSIC - ZWEI HÄNDE

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MULTIPLE OTOMO PROJECT

Seit den frühen 90ern und um die Genre Free Improvisation/Noise/New Electronica taucht der Name Otomo Yoshihide nun auch hier zu Lande auf. Das Gitarrenspiel hat er sich selbst beigebracht, aber eigentlich fing alles damit an, dass der 1959 in Yokohama geborene Experimentalmusiker als 11-Jähriger in feinster Cut-Up Manier Sounds auf Kassetten und Magnetbänder neu zusammenschnitt. Jahrelang spielte der junge Yoshihide Free Jazz in den Japanischen Jazz Kissa Cafes, wo Musiker ihr eigenes Programm zusammenstellen und vorführen können. In Tokyo studierte der Japaner Yoshihide bei Professor Ebato die chinesische Hainan Sprache, vor allem die Spezifikationen dieser Form der traditionelle Musik, dem Hainanese. 1992 gründete er Ground Zero, ein experimentelles Projekt um Hirose Junji und Kato Hideki. „Ich hege absolut keine Absicht, in irgendeiner Weise Musik zu gestalten, die der Konsumgesellschaft als Propaganda dienen könnte,“ ist ein typisches Statement von Otomo Yoshihide. Multiple/Monochrome Otomo ist eine DVD/CD Werkschauf auf dem superben Label Asphodel in San Francisco und zeigt explizit den idiosynkratischen Prozess der „Nicht-Komposition“ Yoshides auf, die Intention als Manifest: Gleichsam zu erschaffen, zu spielen, zu zerstören.

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Eines der interessantesten Alben Yoshihides ist Four Focuses, 1999 erschienen auf dem Amoebic Label, wo er als Gitarrist zusammen mit Martin Tètreault, Sachiko Matsubara und Yasuhiro Otani Genres überschreitet, zwischen Sampling und Jazz, Noise und Elektronika. Die DVD/CD Multiple/Monochrome Otomo bildet nun den Gegenwert zu den dekonstruiert kompositorischen Stücken von Nam June Paik oder den experimentellen Exkursionen des Kanadischen Forscher und Komponisten Hugh Le Caine, der zwischen 1940 und 1960 sämtliche Instrumente selbst fertigte, inklusive dem Modell eines frühzeitlichen Synthesizers. Yoshihide belegt die Schattierungen seiner Diversität auf Stücken wie „Records II“ oder „Plucks“. Grundsätzlich bleibt die Gemütslage freischwebend, der Working Porcess als einzigartiger konstanter Flow – NO COMPOSITION! Brisante themen wie das der autistischen Entfremdung als universeller, realer Allgemeinzustand der Gegenwart zu transformieren gelingt Yoshidide auf bemerkenswerte Weise, die Message aber bleibt die Unbekannte, das Echo einer Antwort steht in jedem Stück neu aus. Die DVD Multiple Otomo zeigt auch, wie ein Mensch, oder besser zwei Hände, am Plattenspieler ohne Nadel und ohne Platten agiert, in sich zersprengte, zengleiche treibende Stücke erzeugt, deren Ausdruckskraft sich musikalisch Messen kann mit Merzbows besten digitalen Arbeiten, mit Keiji Hainos auskonzentriertem Strom aus Schattierungen oder Tetuzi Akiyamas defragmentierten Formwelten :: Otomo Yoshihide: Multiple Otomo Project (DVD/CD) - Asphodel/Alive.

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LOU REED/ZEITKRATZER: METAL MACHINE MUSIC

metal machine musicmetal machine musicDer zweite hier vorliegende DVD/CD Doppelpack aus dem Hause Asphodel betrifft den Grand Seigneur des totalen Rockstars, Lou Reed. Das Berliner Experimentalensemble Zeitkratzer, dirigiert von Reinhold Friedl, nahm sich Lou Reeds tour de force an, dem 1975 erschienen Doppelalbum Metal Machine Music. „In 1975 I made an all guitar feedback plus melody album with a two speed uher analogue tape recorder, two 4x12 Vox Amps and three guitars tuned to various open tunings,” erzählt Reed heute, “my goal was to have a keyless album of ever changing rhythm with no lyric or vocal – pure guitar driven sound to intoxicate yourself. I made it out of love for guitar driven feedback and the squall of the metal machine.” Metal Machine Music war das Album mit der größten Retourezahl bislang für RCA, erschienen nach Sally Can´t Dance und Rock`n`Roll Animal, galt es für alle Medienschaffenden als todsicherer Karrierekiller. Nach Metal Machine Music musste Lou Reed persönlich bei Ken Glancy, dem damaligen Head von RCA, vorsprechen und darum bitten, ein weiteres Album aufnehmen zu dürfen. „He asked me if I would promise not to do Son of Metal Machine Music. I said for sure. I was in nothing but trouble. The nightmare of betrayal haunted me.” Reed hatte ärger mit seinem Management, war pleite, konnte seine Musiker nicht auszahlen, die dafür aber Reeds Gitarren und Equipment abgriffen, die Steuer sass ihm im Nacken und nun, mit Metal Machine, stand sein Karrierenende als Performer bevor: „My problem was just to survive me.” Und weil der Komponist und ehemalige Gitarrist von Velvet Underground zu seinem noch relativ erfolgreichen 1974er Album Sally Can´t Dance nicht viel mehr beitrug als Text und Stimme, erzählte Reed dem Journalisten Danny Fields: „This is fantastic – the worse I am, the more it sells. If I wasn´t on the record at all next time around, it would probably go to number one.” Diesen finalen Ego-Schnitt hat sich Reed dann doch nicht getraut, aber dafür gabs auf dem Cover von Metal Machine Music die chemische Formel für Methamphetamine gratis und für alle dazu. Dass Metal Machine Music nun und nicht nur durch die Adaption von Zeitkratzer zum Gesamtkunstwerk erhoben wird, passt gut in den reizüberfluteten, nüchternen und illusionslosen Zustand der Gegenwart, sondern zeigt aus der heutigen Perspektive auch, dass dieses Album ein fantastisches weil mutiges Statement darstellt, ein persönlicher aber universell gültiger Schlussstrich am Zenith und Scheitelpunkt der Siebziger, dem toten Punkt der Gravitation, dem tatsächlichen Ende der Ideale der Sechziger, als chemisches Blueprint für die nachfolgende Generation der Avantgarde unentbehrlich: Keine Neubauten ohne Metal Machine Music.

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zeitkratzer/reedzeitkratzer/reed„No Synthesizers, no Arp, no panning, no phasing, no - , “ sprach Reed. Minimalismus so konzentriert wie perforiert in einen Marmorblock gemeisselt, der Abgesang auf das neue Rome - „drone cognizance and harmonic possibilities vis a vis La Monte Youngs Dream Music“ – Zeitkratzer adaptieren drei Stücke aus den 4 etwa 16 Minuten lang laufenden Tracks von Metal Machine Music, wobei Track Nummer 3, als Performance und Referenz an diese grandiose Geste wohl gereicht hätte, oder aber man sich besser streng an an die Laufzeit der 4 Original-Albumseiten hätte halten sollen, wer weiss. In Track Nummer 3, live aufgenommen am 17. März im Haus der Berliner Festspiele, trägt Lou Reed selbst am Ende das Gitarrenfeedback zum klassisch orchestrierten Zeitkratzer Ensemble bei, und versichert sich und uns damit, dass sein Ding praktisch posthum Deutung und Richtigkeit behält. Ein kleiner Tip noch am Rande: Besorgt euch das auf 33 1/3 laufende Vinyl von Reeds Metal Machine Music und spielt nacheinander Seite 1 bis 4 auf 16 Umdrehungen ab :: Lou Reed/Zeitkratzer: Metal Machine Music - Asphodel/Alive.

 

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