chinese starsEine der wohl schrägsten Avantrock-Scheiben der letzten Monate liegt hier nun leider schon eine Weile, deshalb beginnen wir hier und jetzt mit The Chinese Stars/Listen To Your Left Brain (Three One G/Cargo). Da macht da ein zeitweiliges Untertauchen rein gar nichts aus, im Gegenteil, Listen To Your Left Brain findet seinen Weg zurück in den CD-Spieler fast automatisch. The Chinese Stars aus Providence/Rhode Island, vormals Six Finger Satellite/Arab On Radar, wirken hier permanent und chronisch überreizt, hedonistische Energie schwitzt Hysterie aus jeder Ritze und Kante. Nicht jeder Track auf dieser Scheibe fetzt so total wie Cold, Cold, Cold oder All My
Oh AstroFriends Are Getting High („All my friends are getting lonely, all my friends are getting high“). Überhaupt, highsein ist das vorherrschende Thema, in die bohrende Basslinen jault disharmonisch eine Miniatur aus dem Keyboard dazwischen. Das Schmuckstück hier aber ist der Opener Drugs & Sunshine, abgedreht und flitzgespannt wie ein Gummiband („I miss the drugs and the sunshine, and the make-up on your face, your legs can´t be real and your skin must be fake, but you, you should stay east, and I, I' ll go west“). Eine Hymne wie geschaffen für das rotanschlagende Fernbeziehungsbarometer. Eher glücklich und traditionell verbandelt weil verheiratet
shelter/six organs ist das Paar Jane Dowe und Hank Hofler, die unter dem Namen OH ASTRO Musik generieren, bei Champions Of Wonder (Illegal Art/A-Musik) gibt es samten verkuschelnden, sehr konstruktivistisch angehauchten Elektronika-Computer-Pop, der sich an Techno-, Dub- und House-Elementen bedient, das Ganze aber auseinanderdividiert, zerschnipselt und neu zusammenpuzzelt, was eine warm klingende, synthetische Melange ergibt, die sich fast als Cafe-Haus-Ambient bezeichnen liesse, wäre die Rhythmik in den Stücken nicht in sich stark versetzt und gebrochen. Passt auch aber sehr gut in die Vorweihnachtszeit, übrigens. Auch Badgerlore/Comets On
getting goneFire Gitarrist Ben Chasny bringt mit Six Organs Of Admittance eine neue Scheibe ins Rennen, die wohl jeder Jahreszeit eine gehörige Portion Stasis verpasst. Shelter From The Ash (Drag City/Rough Trade) ist wie immer ungewöhnlich schwermütig und diesesmal progrockinfiziert a la Van Der Graaf Generator/King Crimson. Am besten kommt Chasny, wenn er seine Gitarrenfiguren loopt um Schicht für Schicht übereinanderzulegen, wie bei Final Wing, das elektronische Fliren und Klopfen aus dem Synth im Anschlag, das ein Gewitter suggeriert, so schwer wie reinigend. Auch Matt
cam archer filmValentine/Erika Elder wandeln weiter auf supertraditionell begehbaren Pfaden. Auf MV & EE/w The Golden Road/Getting Gone kreuzen sich die Wege von Neil Young und Beefeater, von Towns Van Zandt und SWA. Irgendwie überweltlich diese Stimmung hier, fernab und ausserhalb von Raum und Zeit, Getting Gone (Ecstatic Peace/Cargo) steht für naturalistische Tradition, für Roots, für das Aussteigerleben auf dem Land zu zweit samt Hund, Kegel und Pfeife. Auf dem hauseigenen Current 93/David Tibet Label Durtro Jnana ist kürzlich eine Compilation/Soundtrack-Album erschienen. Die für den Cam Archer Film/Wild Tigers I Have Known (Durtro Jnana/Cargo) von
savage republicPantaleimon, Nate Archer, David Tibet, Anders & Woods, Six Organs Of Admittance, Current 93 eigens komponierten Balladen gehören zu Durtro Jnanas Nonplusultra. Bittersüss samt Herzschmerzundach der Titelsong Wild Tigers I Have Known von Chan Marshall („The silence and the beauty – here, is all for you“). Auch Savage Republic, die frühachtziger Avantgarde-Ikone aus San Francisco um Bruce Licher haben nach 18 Jahren ein neues Album geschaffen, „1938“ (Neurot/Cargo) ist in sich stimmiger Prog-Punk, hart wie ein Nagelbrett, und bestimmt nicht weniger impulsiv als das gefeierte und unvergessene Debüt Tragic Figures von 1982. Alejandro Franovs Album
franov/khali„Khali“ (Staubgold) basiert auf den Instrumentarien der indischen Sitar, Mbira (Kalimba, Daumenklavier) sowie der Arpa aus Paraguay, die wie eine Zither klingt, aber viel mehr Bassresonanzen erzeugt. Das klingt nach esoterisch verhuschter Weltmusik, was nicht zu leugnen ist, denn „Khali“ ist mysteriös und überirdisch, nur der teilweise eingesetze Synthesizer verdirbt etwas das ansonsten kindlich pur wirkende Experiment. Der Kölner Klangsyntesemeister Marcus Schmickler hat es mit Altars Of Science (Mego/Groove Attack) einmal mehr geschafft, ein elektronisch zerzaustes, computergesteuertes, fast unhörbar kantiges Mutantenungetüm zu schaffen, sehr brachial, habe die Ehre der
schmickler Herr.
Minoru Sato/Asuna gehen mitten hinein in den Ganges des ewigen Drone, „Texture In Glass Tubes And Reed Organ“ (Spekk/A-Musik) fasziniert durch die wellenförmig erzeugte Sogform der beiden langen Stücke, die auf Austesten von Frequenzen wie Resonanzen basieren, in askese gleitend wie der Papiervogel über die blau-grün schimmernde Oberfläche eines Sees. Sir Richard Bishops Album „Polytheistic Fragments“ (Drag City/Rough Trade) ist wie das Debüt Salvador Kali eine akustische und rein instrumentale Angelegenheit aus Fragmenten, die nichts weiter tun als
sir richard bishopsinnige Stimmungen zu erzeugen, die sich zumeist einstellen, wenn nach langer Reise endlich angekommen der Blick aus dem Hotelfenster über den Horizont schweift, während sich Gedanken einschleichen wie „Habe ich jetzt den Herd absichtlich angelassen zuhause oder aber nur "vergessen" abzuschalten?“ Charalambide Tom und Christina Carters astral schimmernde Klangkörper wirken extrem zeitverlangsamt und meditativ, nicht nur auf dem neuen Album Likeness. Seit den frühen 90ern erscheinen diese wunderbaren flüchtigen Chimären aus Keyboard, Gitarre und Gesang, so durchdringend ätherisch wie Feinstaub, ihr Album Charalambides „Likeness“ (Kranky/Cargo) gehört aber zum
charalambidesBesten bisher, wobei mich Tracks wie Figs And Oranges und Do You See beim Hören ein jedes mal neu umwerfen. Sehr suggestiv und visionär.



