Paul Baran - Panoptic / Machinefabriek - Blank Grey Canvas Sky

panopticpanopticPaul Baran (Jg. 1975) erzählt musikalisch mit “Panoptic” aus einer speziellen Perspektive: Den Begriff Panoptikum hat Michele Foucault als Symbol für die Überwachungs- und Herrschaftsstruktur der modernen Gesellschaft geprägt (in: Überwachen und Strafen, Suhrkamp Verlag). Foucault bezieht sich seinerseits auf Jeremy Benthams Entwicklung eines gleichnamigen Modell Gefängnisses (19 Jhd.), in dem die Überwachung der Insassen perfektioniert wurde. Geht man mit offenen Augen durch die Großstädte unserer Gesellschaft, sieht man Kameras, die unterschiedslos jeden als beobachtungswürdig einstufen. Damit nicht genug: Gesellschaftlich geht es ebenso um biometrisch modifizierte Ausweispapiere, die digitale Kommunikation und den Reiseverkehr. Eine Grenze ist derzeit nicht in Sicht. “Panoptic” ist Programm: Im ersten Stück, dem “Scotoma Song” (1), der den blinden Punkt des Auges zum Thema hat, beschreibt der gesungene Text den Verzicht auf die eigene Person: Keine Erinnerung, keine Meinung, keine Papiere und Ausweise, nicht sagen zu können, wer man ist: “I sing my own song and I forget my life.” Der Klang wird durch die schräge Stimme, eine trashige Orgel, die wie ein ausrangiertes Akkordeon klingt, und Drums geprägt. Erinnert wurde ich an die besten Zeiten von Tom Waits. Weitere Titel der CD wie “Love Under Surveillance” (6) oder “To Protest In Their Silence” (9) tragen das Programm auf direkte Weise weiter. Es endet mit “Pomerol” (11) in einer vielfach verbürgten Ablenkung: “We are alive and we drink and we drink.”
Nur das erste Stück erinnert an Popsongs. Die folgenden Titel zeigen Paul Baran und seine gelandenen Mitstreiter als musikalische Minimalisten, die auch die freie, nicht aber solistische Improvisation einsetzen. In “Brauzenkeit” (4) verweigert sich die akustische Gitarre mit trashigen Klängen, im hinzugefügten Mix des gleichen Titels von Ekkehard Ehlers (7) werden diese Aufnahmen durch ein Hochpassfilter gejagt und lassen bloß noch britzelndes Noise übrig. Die akustische Gitarre ist nicht das einzige Instrument, das besondere Beachtung erhält. Auch das Euphonium und das Piano sind in den Stücken zentral zu hören. In “Love Under Surveillance” stellt Paul das Piano in den Mittelpunkt. Mich erinnert die Aufnahme stark an die CD ‘Open To Love’ von Paul Bley (1973, ECM Records). Barans Titel ist allerdings wesentlich reduzierter und mit Geräuschen des Instruments durchsetzt. Den Höhepunkt der CD bietet “To Protest In Theire Silence” (9). Die Instrumentierung umfaßt ein “Soundboard processing” und stellt dieses sogar in den Mittelpunkt. Es wird mit extremen Filtereinstellungen (inklusive Formantfilter und hohen Resonanzwerten) gearbeitet, ein Prasseln von Klängen erzeugt, das die Stille, die Gleichgültigkeit der Menschen hart attakiert.

Paul Baran ist noch relativ unbekannt. Er lebt in Glasgow. Mit von der Partie sind Keith Rowe (Prepared Guitar), Werner Dafeldecker (Double Bass, analogue electronic processing, Walkie Talkie, Voice), Armin Sturm (Double Bass), Rhodri Davies (Prepared Harp), Sarah Whiteside (Cello), Andrea Belfi (Drum-Kit, electronic processing), Gordon Kennedy (Soundboard processing), Davy Scott (Acoustic Guitar), Timothy Cooper (Euphonium). Erschienen ist Paul Barans Produktion in einem kleinen schwedischen Label namens “Fang Bomb” (http://www.fangbomb.com), das von Petter Ottosson in Göteborg seit 2006 unterhalten wird. Er selber verfügt über langjährige Erfahrungen mit experimenteller Musik.
blank grey canvas skyblank grey canvas skyEbenfalls bei “Fang Bomb” erschienen ist “Blank Grey Canvas Sky” von Peter Broderick & Machinefabriek (Berlin/Rotterdam). Diese Produktion ist anders konzeptioniert. Zwar kommen auch hier minimalistische Tendenzen zum Tragen, doch es werden im Unterschied zu Paul Baran musikalische Idyllen gesucht. Im ersten Titel, “Departure” (1), taucht im Pianospiel noch eine fragende Sept auf, es erhebt sich im Fortgang des Stücks eine drohende Tonwand empor. Doch mit den nächsten Titeln wird die Musik milder, phasenweise sanfter Songwriter Pop: so im zweistimmigen Gesang zur Gitarre in “Rain” (4), um schließlich in “Homecoming” das vorläufige Ziel, die nahezu perfekte, leicht melancholische Idylle zu erreichen. Eine solche Tendenz ist nicht bloß in der experimentellen Musik zu finden, ebenso im zeitgenössischen Jazz (Smooth Jazz). -- Reinhard Matern

:: Paul Baran/ Panoptic, CD, Fang Bomb/A-Musik (Vertrieb & Mailorder)

:: Peter Broderick & Machinefabriek/ Blank Grey Canvas Sky, CD, LP, Fang Bomb/A-Musik