Der quirlige Typ mit dunklen, verwuselten Haaren, der in einer Ecke auf der kleinen Bühne des Golden Gate Clubs sitzt und nervös an einer Zigarette nestelt, hat gerade seinen Soundcheck beendet. Ben Chasny spielt die Psychedelic-Freak-Out Gitarre bei Comets On Fire, er steht aber auch für leise, akustisch gezupfte Töne bei Six Organs of Admittance. Deren hypnotisch-verzwirbelte Ragas und finstere Balladen werden seit 1996 auf winzigen Labels wie Holy Mountain veröffentlicht. In seinem verwaschenen grünen Parka mit obligatorischer Kunstfellkapuze wirkt Chasny heute Abend - im Januar 2005 - ein wenig verloren, wie ein Backpacker auf Irrfahrt.
Die San Francisco Band Comets on Fire live in Berlins Golden Gate Club zu erleben sollte ein Ereignis werden, soviel stand fest. Wolf Eyes und die Comets sind zur Zeit die wohl aufregendsten und wildesten Gesellen, die sich ein traditionell eher an Pop-Folk Musik orientierendes Label wie Sub Pop leistet. Ein fiepsendes, knallendes, mit gurgelndem Gebrüll durchsetztes Noise-Ungetüm ist Burned Mind geworden - das aktuelle Album von Wolf Eyes. 42 Minuten äußerste Glückseligkeit oder der absolute Horror, hängt davon ab, auf welcher Seite du stehst. Gerade ist das vierte Album der Comets On Fire erschienen: Blue Cathedral. Auch das Debut Field Recordings Of The Sun wurde re-released. Hier koppeln Black Sabbath auf Acid mit Hawkwind auf Speed, ein zäher, wüster Säureregen aus brackigen Trommeln, Gitarrenrückkopplungen und jaulender Echoplex. Heute Nacht im Golden Gate wirkt das ganze Lärmungetüm von der kleinen Mini-Bühne herunter noch komprimierter und chaotischer als auf dem Comets-Vinyl. Die ganze Band wirkt etwas zusammengeklatscht auf den gerade Mal 3 mal 3 Meter. Mit Verstärker und Gerätschaften steht sich die Band mehr oder weniger selbst auf den Füssen.
Ben Chasny kommt im Januar 2005 nicht mit der eigenen Formation Six Organs Of Admittance sondern als zweiter Gitarrist der Comets On Fire. Zwar klingt der chaotische Acid-Rock der Comets ganz und gar nicht nach Six Organs, jedoch hat sich hier manifestiert, was vor 9 Jahren noch undenkbar schien: der ganze Rock n Roll-Kram ist bei den jungen Yipstern angekommen. Black Sabbath gibts da als Randnote zu den Osbournes auf MTV.
Das Golden Gate ist eigentlich kein richtig schicker Club sondern wirkt eher ein wenig verranzt so direkt unter den Gleisen der S-Bahn Jannowitzbrücke nahe dem Ostbahnhof. Kein beleuchteter Eingang, nur sporadisch funktionierende Toiletten, statt dessen ein paar vermoderte Sessel im Atrium. Als ich Ben für das Interview die Treppe hoch geleite zu einem ungeheizten Raum, der gleichzeitig als Müll-Abstellkammer und Garderobe genutzt wird, stehen dort gerade mal zwei klapprige Stühle ohne Tisch. Ben zeigt sich locker und unbeeindruckt. Räume wie diesen betritt er wohl nicht zum ersten Mal.
Ben erzählt, dass er schon seit einer geraumen Weile in der Westküstenindustriemetropole Oakland wohnt, in einem erschwinglichen Bezirk. Oakland liegt in Sichtweite des schillernden, touristenfreundlichen San Francisco und ist verbunden durch die Bay Bridge: „Jedesmal, wenn ich nachts von meinem Haus zum Auto renne, drehe ich mich um, ob da nicht ein Schatten wartet um mich abzustechen und dann mit meiner Karre davonzubrausen.“ Er lacht und scheint zu scherzen. Oder etwa nicht? „Nein, ganz so schlimm ist es nicht", winkt er ab: „Ich wohne da schon seit Jahren mit meiner Freundin, es ist halt eine gemischte, aber sehr arme Nachbarschaft. Die Mieten sind erschwinglich.“ Da sich Ben Chasny aber die meiste Zeit im Jahr sowieso auf Wanderschaft befindet, sieht er die Dinge gelassen. Ob die U-Bahn die ganze Nacht fährt hier in Berlin, will er wissen. Ich verneine. Aber die Nachtbusse fahren ja. „Oh - das klingt gut.“ sagt Ben, denn „von Frisco kommt ab 22 Uhr kein Bus mehr über die Brücke rüber nach Oakland.“
Six Organs Of Admittance werden bald in Europa touren. Wirst du Chris Corsano mitbringen?
Ja, ich werde im Frühjahr beim Kraak Festival in Belgien spielen, dann ab April komme ich entweder Solo oder mit Alasdair Roberts. Es ist zwar noch nicht ganz spruchreif, aber ich kann dir sagen, wenn du es für dich behalten kannst, dass mich Will Oldham eingeladen hat, als Gitarrist seiner Band auf Tour zu gehen. Auch ein Support von Joanna Newsom scheint möglich. Six Organs Of Admittance werden also auf jeden Fall in diesem Jahr kommen, nur in welcher Konstellation steht noch nicht fest. Chris Corsano kann ich leider nicht mitnehmen, er ist mega-beschäftigt, für meine Tour an der Ostküste im letzten Jahr und für die Aufnahmen von School Of The Flower musste ich ihm mehr oder weniger K.O.-Tropfen ins Bier schütten und bewusstlos in den Kofferraum werfen. Chris hat extrem wenig Zeit.
Was ist Corsano denn für ein Typ?
Chris spielt schon ewig lange in seinem Experimental-Free-Jazz Duo als Corsano & Flaherty. Das ist das beste, was du von ihm zu hören bekommst. Bei Sunburned Hand Of The Man ist er ja nur etwa ein Zehntel der Band. Mir hat man vor kurzem eine typische Corsano-Story über ihn erzählt. Es gab einen Gig in einem Art Space Loft in Boston, das 6 Stockwerke hoch war. Ganz oben im Treppenhaus, direkt vor den Stufen, stellten sich Corsano & Flaherty auf und begannen zu spielen. Flaherty am Saxophon, Corsano an seinen Drums. Das Publikum steht dicht an dicht die ganzen 6 Stockwerke die Treppe runter. Mitten im Stück nimmt Corsano seine Bassdrum in die eine Hand und rollt das Ding die Treppe hinunter, mitten durch das Publikum, deren Münder stehen offen, er trommelt und spielt, packt und rollt die Bassdrum die ganzen 6 Stockwerke Treppe für Treppe hinunter, unten im Parterre angekommen, dreht er sich auf dem Absatz um und trommelt das Ding die ganzen 6 Stockwerke wieder hoch. Corsano ist einfach fantastisch. Er spielt intuitiv und ist einer der Besten. Ich hätte ihn sehr gerne auf Tour dabei, aber es ist unmöglich, ein Zeitfenster dieser Länge von ihm zu bekommen. Der Typ ist nicht zu bremsen, ich bin stolz darauf, ihn bei School Of The Flower mit dabei gehabt zu haben.
Im Song School Of The Flower drehen sich drei verschiedene Gitarrenmotive umeinander, dadurch bekommt der Song eine hypnotische Qualität.... Wie spielst du 14 Minuten lang das gleiche Gitarrenmotiv, ohne eine merklich wahrnehmbare Variation?
Ich habe aus jede Gitarrenfigur zuvor geloopt und gespeichert. Die drei Gitarrenparts haben wir getrennt aufgenommen, später zusammengemischt, schließlich das ganze auf eine einzelne Spur überspielt und danach setzte sich Corsano an die Drums, ich habe mir die E-Gitarre umgehängt und dazu improvisiert. Wir haben nur zwei Versuche gebraucht, um das Resultat zu bekommen, das du jetzt auf dem Album hören kannst. Die Idee zu dem Song School Of The Flower hatte ich zwar bevor ich ins Studio ging, aber nicht komplett und auch nicht, wie sich das Ganze umsetzen lässt. Auch war mir vorher nicht klar, wie ich Chris Corsano dazu bringen kann, seine Drums live über den Loop zu spielen, aber glücklicherweise waren meine Bedenken größer als die Umsetzung. Weißt du, ich war noch nie zuvor in einem Studio, deshalb wollte ich einfach, da ich nun mal eine ganze Woche Zeit zur Verfügung hatte, auch die ganzen Geräte und Aufnahmemöglichkeiten nutzen. Die Studioleute waren alle sehr offen und ließen sich leicht begeistern. Also haben wir mit Spaß daran gearbeitet. Das studio steht in Michigan, nahe Chicago. Ich habe mich dort eine Woche praktisch eingeschlossen, hab dort gegessen, komponiert und geschlafen. Drag City musste ich zuvor erzählen, dass die Songs für das Album praktisch fertig komponiert sind, sonst hätten die mich nie in das Studio reingelassen. Denn die Nutzung kostet ja Geld. Zu Beginn hatte ich aber nur wenige Songs fertig, Home oder Lisboa waren zwei davon, ich hatte also nicht ansatzweise das ganze Material für das Album zusammen. Mir war aber klar, wenn Leute und Umgebung stimmen, wird alles gutgehen. und mit Corsano zusammen hätte ich in jeden Fall ein Album zusammengehauen, soviel steht fest. Ich hab einfach angefangen zu experimentieren, bis ich einen riesigen Haufen Lärm zusammen hatte, und den hab ich mir dann zurechtgeschnitten. Natürlich war da vorher schon eine klare Vorstellung, was ich tun würde. Dem Toningenieur hatte ich aufgezeichnet, wie der einzelne Track aussehen soll - ich habe ihm praktisch die Songs aufgemalt, oder einfach ein paar Alben vorgespielt, um den exakten Gitarrenklang zu vermitteln. Alle meine bisherigen Aufnahmen entstanden durch 4-Track Taperecorder. Ethan Miller spielte für das vorletzte Album Compathia ein Gitarrensolo durch einen Verstärker (bildet ein Quadrat mit beiden Händen), der in etwa die Größe 20 mal 20 cm hatte. Unglaublich, nicht?
Und wie willst du deine geloopten Songs live umsetzen?
Das habe ich noch nicht versucht bisher. Das wird ein Problem werden. Ich werde mir einen Rekorder kaufen müssen, damit ich die Loops abspielen und mit dem Drummer live dazu improvisieren kann, so wie mit Corsano im Studio. Ich habe bisher noch nie einen Schlagzeuger dabei gehabt, ich werde üben müssen, ich hoffe, dass ich einen mitbringen kann.
Bei den Comets on Fire entsteht viel Raum und Ruhe zwischen den Stücken, wenn du fragile Gitarrenparts spielst wie im Song The Unicorn. Wie habt ihr euch denn kennen gelernt?
Ja, das gefällt mir auch sehr gut bei den Comets, und das ist wohl auch einer der wichtigsten Gründe, warum ich bei dieser Band weiterhin dabei sein sollte. Obwohl ich es auch sehr schätze, mit meiner E-Gitarre mal richtig Lärm zu machen... Alle Comets bis auf Einen sind in der gleichen kleinen Stadt im Norden Kaliforniens aufgewachsen. Wir kennen uns also alle von der Schule her. Utrillo Kushner kenne ich seit meinem 14ten Lebensjahr, da hatte ich mit ihm zusammen meine erste Punkrockband gegründet. Später bin ich aber in die San Francisco Bay Area umgezogen, habe richtig Gitarre spielen gelernt und mein eigenes Ding aufgezogen, aber ab und an trafen wir uns immer noch zum spielen, und schließlich sind dann die Comets On Fire draus geworden. Nun ist das mein zweiter Vollzeit-Job.
Bei einem relativ erfolgsorientierten Label wie Sub Pop müsste sich doch langsam ein Effekt einstellen?
Immerhin hat es uns nach Europa verschlagen. Also ist da schon was dran. Aber wenn du uns dann spielen siehst, wirst du merken, die können doch eigentlich gar nichts (lacht)...bisher war es aber schon so. Ich meine (lacht), das ist so krank..., sogar wenn wir in den Staaten spielen, kommt da kaum viel Publikum zusammen auf unseren Konzerten. Es gibt auch dort drüben kein großes Gefolge oder eine Menge Fans.....
Glaubst du, Comets On Fire könnten richtig erfolgreich werden?
Vielleicht. Aber jeder in der Band behält seinen Job. Keiner wird ihn so schnell aufgeben. Sicherheitshalber.
Du auch?
Nein, ich bin der einzige in der Band, der ganz und gar vom Musizieren lebt. Aber das auch mehr schlecht als recht. Immerhin arbeite ich aber auch für andere Musiker.
Bei Six Organs beziehst du dich auf Drone und Raga Nuancen. The Manifestation enthält zwei 20-Minuten Tracks.
Utrillo Kushner spielt Perkussion auf dem ersten Song The Manifestation. Wir haben zur Zeit dieser Aufnahme eine Menge Cosmic Jokers und Brainticket gehört.
Das war 1999. Welches ist der neue Song auf The Manifestation?
The Six Stations ist das neue Stück. Die Zeichnungen im Innencover habe ich selbst entworfen. Es sieht schon sehr kryptisch aus, das Ganze...Ich habe nicht genau offengelegt, was ich tue, ich habe da nur so ein paar Spuren gelegt, so dass man rätseln kann. The Manifestation war ja ursprünglich eine einseitig bespielte EP in 500er Auflage. Die B-Seite bestand aus einem eingeritztem Motiv, nämlich der Kreis, ein „Etching of the Sun“, und während ich das neue Stück The Six Stations einspielte, ließ ich die eingeritzte B-Seite von The Manifestation im Hintergrund mitlaufen, deshalb das durchgängige Knirschen und Knacken. Danach habe ich die sechs verschiedenen Parts von Six Stations nach den Planeten in unserem Sonnensystem auf dem Cover angeordnet, habe die Plattenspielernadel da abgesetzt wo z.B. Merkur sein müsste und nahm das ganze nach dem ägyptischen Mondkalender auf.
Wie haben sich die Ägypter diese Planetenwende vorgestellt?
Das Konzept von der Harmonie der Sphären: Nun, die alten Ägypter erzählen: wenn sich die Planeten um die Erde drehen, erzeugen sie dabei einen ganz bestimmten Klang oder Ton, den nennen sie den Zentrumston (Centertone). Ich versuchte bei der Aufnahme von The Six Stations diesen Centertone zu treffen. Weltraumgeräusche eben, du verstehst. Aber schon der alte Pythagoras dachte damals, dass sich alle Planeten in der perfekten Ratio zueinander befinden, weil alle Musik, alle Töne enstanden sind aus dem perfekten Abstand der Dinge untereinander, und er sagt, dass alle Planeten, wenn sie sich um Sonne oder die Erde drehen, einen ganz bestimmten, typischen Ton erzeugen, jeder einzelne Planet für sich. Pythagoras glaubte, er kann den Klang eines jeden einzelnen Planeten unterscheiden und identifizieren, in wie weit dieser von seinen Nachbarplaneten entfernt sein muss. Diese Theorie hat mich eine ganze Weile beschäftigt und ich mochte diese Idee eben, die dahinter steckt. The Six Stations versucht, den Klang der sechs Planeten in unserem System darzustellen. Komisch, nicht?
David Keenan schrieb für den Wire eine Titelgeschichte über den sogenannten New Wired American Folk.
Das war über ein Festival in Brattleboro nahe Vermont. Ich konnte da aber gar nicht selbst auftreten, weil ich gerade auf Tour war. All die Leute, die teilnahmen, leben aber in und um Vermont oder Massachusetts. Die mussten also nicht weit fahren. Brattleboro ist ein wirklich kleines Dorf nahe Vermont. Es ist so klein, dass (lacht), sogar die Jungs von den Comets nicht wissen, wo es genau liegt. Von Brattleboro selbst hatte ich vorher noch nie was gehört aber die Story von Dave Keenan hat Folkmusik etwas bekannter gemacht. Die meisten Leute dieser Kommune leben und arbeiten dort, und natürlich bin ich mit einigen befreundet. Brattleboro war einmalig, aber seit dem gibt es eine Menge kleinerer Folk-Fests überall in den Staaten lose verstreut, es hat sich schon etwas getan. Für eine lange Zeit gab es ja überhaupt keine Festivals dieser Art mehr. Ich denke, die Medien haben diese Musikform einfach lange Zeit ignoriert. Folkmusik gab es schon immer. Und wird es auch noch geben, wenn diese Hip-Schiene wieder verlassen worden ist.
Was tust du am liebsten, wenn du Zuhause ankommst?
Du meinst im Norden von Kalifornien? Tja, als Kind habe ich immer schon gerne ausgedehnte Spaziergänge in den Redwood Wäldern gemacht. Sofern es jetzt noch welche gibt, suche ich mir eine gute Ecke und mache lange Waldspaziergänge. Nirgendwo sonst hörst du eine solche Vielfalt an wunderbaren Geräuschen und bekommst dieses Gefühl von der perfekten Symmetrie der Dinge.


