Sonambiente 2006: Fluxus im Kino Babylon


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Ausserordenlicht gut ausgesucht und in zwei Blöcken zusammengestellt war die Filmereihe der Sonambiente. Am Montag Abend, dem 10. July 2006, spielte das Kino Babylon Mitte Hans Richters Fluxus-Frühwerk »Dreams that money can buy« (USA 1944), dessen surrealistische Traumsequenzen vor allem durch die in das Narrativ eingebundenen Readymades von Marcel Duchamp oder dem charmant-skurrilen Vortrag von Man Ray zum Soundtrack von John Cage, Paul Bowles, Edgar Varèse oder Duke Ellington besticht: »It´s about the matter of principles«.

Recht skuril anmutende männliche Protagonisten im feinen Zwirn a la Al Capone sowie Damen im sehr viktorianisch anmutenden Plusterrock verkaufen in Richters Traumsequenzen ihre eigenen Träume im Theater der Bedeutungslosigkeit aller Klischees: Während die männlichen Darsteller versuchen, ein paar Taler aus dem Traumverkauf zu machen, manipulieren die weiblichen Darsteller im Hintergrund als anmutende Projektionsfläche in Pumps und mit Federhut. Ihr »Dream that money can buy« führt hinab in den Hades, in dunkle, nasskalte Kellergewölbe, in Träume, deren Kauf eine recht zwiespältige Angelegenheit zu sein scheint.

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Am Dienstag kam der niederländische Filmemacher Frank Scheffer zum Zuge, er präsentierte zwei Dokumentationen mit jeweils einem Interview mit John Cage, beide enstanden gegen Ende der 80er Jahre.

In »From Zero« zeigt Scheffer John Cage im Garten sitzend im absurd-logischen Gedankenspiel. In den beiden Aufnahmesessions, Cage im Gartenstuhl vor seiner Schreibmaschine sitzend, die Stoppuhr in der Hand, stellt Scheffer dem dem Mitbegründer der Fluxusbewegung 19 Fragen. Für jede Antwort gilt eine eigene Zeiteinheit. Für »One Second on Octavio Paz« stoppt Cage die Uhr schon nach einer Sekunde - ein Requiem ohne Worte. Drei Sekunden fallen an für die »ausgesprochene Komposition« des Begriffs »Zen-Buddhism«: »It´s the structure of mind« subsummiert Cage.

Jeweils sechs Sekunden Stille werden auf den Begriff »New York« sowie »Jazz« verteilt. Dann, nach einigen Sekunden und mit einem milden Lächeln, ergänzt Cage noch: »Living in New York is finding a way to enjoy darkness«. 42 Sekunden fallen an für den Monolog über den Tod: Cages Freund und Künstler Daisetz Suzuki erklärte ihm einst, dass es kaum einen Unterschied gäbe zwischen Leben oder Tod.

8 Sekunden stehen für den Impuls der Mathematik: »It´s like standing beneath water without jumping in«. Irgendwann und irgendwo lässt Cage auch Sätze fallen, die lange Nachwirken wie der stete Tropfen auf den Stein: »Politicians live behind the moon, forget about them. If you don´t vote, they are just there left behind«.


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»There is no solution, because there is no problem« Marcel Duchamp

In der Dokumentation von Lars Movin »The Misfits – 30 Years Of Fluxus« wird die New Yorker Fluxus Bewegung über den Fixpunkt Biennale Venedig durch einige anwesende Mitbegründer der Fluxus-Bewegung selbst erklärt. Yoko Ono stellt ihre Person vor: »Ausser meinem Namen weiss ich nichts über mich selbst, wahrscheinlich lebe ich erst in der Zukunft«.

Ben Vautier erzählt sehr konkret und klar, vor allem, warum es seiner Meinung nach keine avantgardistische Bewegung wie Dada oder Fluxus ohne ein involviertes Ego geben kann, denn würde das Ego komplett aus der kunstrelevanten Darstellungsebene verschwinden, wäre der nächste logische Schritt eines Künstlers, die Position seines eigenen Status zu verwerfen. Vautier: »....Was die Sache schon sehr verkomplizieren würde.« Über seine Person im Schachspiel des Kunstbetriebs erkärt Vautier auf entwaffnend offene Weise, jedoch mit einem Augenzwinkern: »I`m 52, feeling old, I wonder if I repeat myself, though I`m still looking for glory, but I can´t.«

Der eigentliche Namensgeber der Fluxus-Bewegung, George Manciunas, war im Jahr der Entstehung 1962 recht angetan von den vielschichtigen Deutungsmöglichkeiten im Begriff "Fluxus", wie Yoko Ono erzählt, denn lateinisch meint "Fluxus" nicht nur »flüssig, fliessend, strömend und flüchtig«, sondern, so erklärte es ihr Manciunas mit dem Dictionary auf dem Schoß, auch das Spülen der Toilette.

Diesen Gedanken übernahm Yoko Ono zusammen mit Ehemann John Lennon 1970 auf ihren Solo-Album Fly als Track »Toilet Piece«. Zu hören ist das in Vinyl gepresste 20 Sekunden lange Rauschen der Toilettenspülung. In den 70er Jahren war die Super 8 Kamera en vogue, Manciunas, Andy Warhol, Ono und Lennon filmen sich selbst beim Dinner, dazu montiert Movin in Misfits Ausschnitte aus Manciunas Video »Zefiro Torma«, wackelig surrt die Handkamera im Rotlicht einer Kellerwohnung wie ein Snapshot umher. Sehenswert in Misfits ist auch, wie im Jahre 1978 der große Installationskünstler Nam June Paik gemeinsam mit Joseph Beuys am Klavier und live vor einem kleinen, aber aufmerksam lauschenden Publikum »In Memoriam George Maciunas« komponieren, eine Hommage an den klugen Maciunas, der im diesem Jahr verstarb.

Über die Bedeutung der Fluxusbewegung an sich lassen sich tausende Worte und Erklärungen finden. Da Fluxus aber, wie der Name schon impliziert, ein übergreifender und flüchtiger Begriff darstellt, also eine Idee, ensteht auch einiges an Raum für die eigene Interpretation.

Ben Vautier hält in der vorzüglichen englischsprachigen Dokumentation Misfits, in der auch La Monte Young zu Wort kommt, eine sehr einfache aber treffende Beschreibung parat: »Fluxus came out of Marcel Duchamp, John Cage and Zen. Duchamp brought in the idea of readymade, John Cage brought in the idea of life and personality, and Zen brought in something else. Fluxus contains event. Event means: Life. If I take a glass of water and drink it, that is fluxus. Now if I make as if I`m drinking it, that is theater. If I roll myself into plastic, that is theater and happening. If I shout and do melodrama, that is theater, happening and romance. So if I only drink that glass of water, that is life, and that is fluxus.«

 

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