In Zeiten wie diesen scheint die einzige beständige Option die Vergangenheit zu sein. Das Wort Nostalgie wollen wir hiermit freundlich unterschlagen. Nostalgie bedeutet ja, dass den nur noch in der Erinnerung lebendigen Lebensoptionen nachgefühlt wird, wobei die beiden Autobiografien von David Wojnarowicz (Close To The Knives) - Musiker, Autor, Junkie, Stricher - und Tony Parsons (Als Wir Unsterblich Waren) - Working Class Selfmade Man, Musikschreiber u.a. für den NME, Ex-Ehemann von Julie Burchill und alleinerziehender Vater - bestenfalls eine Form von Sentimentalität (bei Parsons) durchscheinen lassen, was wiederum in der heutigen Zeit oftmals als zu intim und persönlich abgetan wird. Absolut zu unrecht, übrigens.
Tony Parsons - Als Wir Unsterblich Waren
Das neue Buch von Tony Parsons erzählt seine eigene Geschichte in semi-autobiografischen Zügen. Parsons, der sich als 24-Jähriger zusammen mit der damals um sieben Jahre jüngeren Julie Burchill 1977 auf die gleiche Anzeige im englischen weekly Musikmagazin NME bewarb, in der nach jungen Schreibtalenten gesucht wurde, die etwas Anfangen konnten mit dieser neuen, sich anfangs radikal und nihilistisch gebärdenden Musikrichtung namens Punk. Parsons arbeitete als 16-Jähriger bis dahin in einer Gin-Fabrik und hatte mit 20 Jahren schon einen Roman veröffentlicht: Kids, ein Buch über Teenage-Angst. Zusammen mit Burchill schrieb Parsons 1978 den Kultroman The Boy Looked At Johnny. Das Frontcover ziert der junge Johnny Rotten im zerknautschten Anzug, das House Of Court verlassend, eine Hand lässig zum V für Victory erhoben, der Anwalt samt Aktenkoffer und dicker Hornbrille im Schatten. Mit diesem Roman im Stil eines Pamphlets geschrieben wollten Burchill und Parsons den Ursprüngen des Punk auf die Spur kommen. Denn auch Tony Parsons war einer dieser Boys mit dem Blick auf Johnny, mit dem er später als NME-Autor das Ale teilte, Speed zog, schwatzte und exakt über diese Erlebnisse im Paper berichtete. Denn Punk sollte vor allem die Barrieren brechen - zwischen Performer und Publikum, zwischen Autoren, Fotografen, Musiker und Künstler.
In Tony Parsons neuen Roman spielt der Plot in der Nacht des 16. August 1977, dem Todestag von King Elvis, um die drei Protagonisten Leon, Ray und Terry. Leon - der aus gutbürgerlichem Hause stammt, flieht vor einer übergrossen Vaterfigur als Squatter in eine Bruchbude, Ray - das Nesthäkchen, den älteren Bruder im Kampf mit der IRA verloren, wohnt zuhause, die Mutter auf Tabletten, der Vater biernuckelnd vor der Glotze. Ray steht auf Thin Lizzy und den (leider verpassten) Summer Of Love, er soll nun der neuen Schreiberelite weichen und bekommt daher im finalen Gespräch mit seinem Redakteur den Laufpass oder aber wahlweise seine letzte Chance: Ein Interview mit John Lennon soll auf den Tisch für den Titel, egal wie. John Lennon befindet sich tatsächlich in dieser Nacht der Umbrüche zwischen New York und Japan auf Durchreise in London. Die Figur des Terry kommt der des Autoren Tony Parsons am Nächsten - Working Class Background, Einzelkind, das schlechte Gewissen vor den Eltern, deren Geld er in Speed tauscht, auferstanden vom einfachen ungelernten Arbeiter in einer Schnapsfabrik über die Liebe zu Misty, der jungen Fotografin beim Paper (NME) zum Sprachrohr der neuen musikalischen Revoluzzer-Clique- The Clash, The Sex Pistols und Johnny Thunders.
Parsons benutzt ein Pseudonym für prekäre Darstellungen der echten Charaktere oder Bands in seiner Erzählung, wie etwa Leni and the Riefenstahls für Siouxsie And The Banshees steht oder aber Terrys großer Held Dag Wood für Iggy Pop, wohl um gerichtliche Schadensersatzklagen zu vermeiden. Parsons flüssiger, einfühlsamer und sehr persönlich vorgetragener Erzählstil scheint naturgegeben. Weder Siouxsie Sioux noch Iggy Pop schneiden gut ab in Als Wir Unsterblich Waren oder im englischen Original auch Stories We Could Tell, nach dem Song der Everly Brothers. Dag Wood gebärdet sich als ein getriebenes drogen- und sexsüchtiges Monster, das vorbehaltlos und radikal seine eigenen Interessen verfolgt, wobei die beiden Brüder in seiner Band (Hunt und Tony Sales) auch mal als Zuhälter herhalten, da Dag vorhat, Terrys Freundin Misty anzubaggern. Schnell wird Terry klar, dass eine echte Freundschaft zwischen Berichterstatter und Musiker wohl kaum möglich sein wird. Parsons verleiht seinen jugendlichen Protagonisten oftmals Einsichten und Erkenntnisse, die aus seiner eigenen langjährigen (negativen) Erfahrungen im Musicbiz sprechen. Dabei wirkt das Lesen von Als Wir Unsterblich Waren aber keine Spur mehr bitter als nötig, sondern im Gegenteil, eher wie eine wunderbare Reise, schmerzhaft zwar und mit höchst ungewissem Ausgang, letztendlich aber wie ein Geschenk für diese jungen Unsterblichen, die keine andere Option in den Händen halten als ein Leben innerhalb der Musik.
David Wojnarowicz - Close To The Knives
Zeig mir niemals glänzende Steine, ich würde kriechen und mich am Boden winden. Ohne Zögern werde ich meinen Reichtum mit Blut besudeln. Ich will toben vor Wut. Arthur Rimbaud 1878
Als der Maler, Musiker und Schriftsteller David Wojnarowicz 100 Jahre nach dem Aufschreiben dieser Zeilen von Arthur Rimbaud sich selbst mit der Nadel im Arm und dem Portrait von Rimbaud auf dem Gesicht in einer kargen Ecke in Manhattan ablichtet, hätte er wohl nicht so leicht vermuten können, dass eben jenes Selbstportrait genau 28 Jahre später in der Ausstellung INTO ME/OUT OF ME der Kunstwerke Berlin gezeigt wird - neben Marina Abramovic, Matthew Barney, Felix Gonzalez-Torres, Robert Mapplethorpe und John Miller (siehe Bildfolge unten). Wojnarowicz nennt sein Selbstportrait Arthur Rimbaud in New York 1978. Rimbaud, der entwurzelte Poet und rastlose Reisende, flieht nach dem homoerotischen Verhältnis mit dem gleichgesinnten Poeten und Trinker Paul Verlaine von Paris nach Afrika, versucht sich dort als Waffenschmuggler und erkrankt tödlich an der Malaria in noch jungen Jahren. Wie Richard Hell in seinem superben semi-autobiografischem Roman Godlike führt uns David Wojnarowicz in seiner Autobiografie in den Unterleib der schönen Künste, eine Reise durch den Hades über Drogen, selbstzerstörerischen Kreativitätsschüben, wahllosem Sex und - unmittelbar als Folge - zu Rassismus und Aids. Close To The Knives ist eine zynische aber direkte, fast stakkatoartig erzählte und ehrliche Abrechnung geworden - mit Freunden, die verschwanden, der Problematik nach Bekanntwerden seiner Erkrankung an HIV gegen Ende der Achtziger Jahre, der Ignoranz von Behörden, Medien und Politiker, den Schwebezustand als lebender Kadaver unter den Nicht-Lebendigen, an diesen selbstgerecht-konform laufenden und abgestumpften Existenzen.
Wojnarowicz brüllt an gegen die Ignoranz, gegen die eigene Hilflosigkeit und den Zerfall aller sozialen Werte im postmodernen Amerika, der Aberkennung der Grundrechte für Homosexuelle, die erzwungene Isolation und den fühlbaren Schmerz der körperlichen Auflösung, den eigenen Zerfall und die hieraus resultierende Ohnmacht. Wojnarowicz schreibt: Der Tod kommt in kleinen Dosen. Wenn die Sonne untergeht, wird dieses Zimmer zu einer Architektur der Angst. Für ihn selbst fällt der finale Vorhang dann 1996. Bis Februar 2007 ist eine Auswahl seiner Werke wie das Selbstbildnis Rimbaud in den Strassen von New York 1978 oder die Collage Bad Moon Rising 1989 zu betrachten (siehe Fotos): Kunstwerke Berlin - www.kw-berlin.de
Beide Erzähler haben eine Gemeinsamkeit, die zwar angreifbar macht, ihnen vor allem aber Kraft verleiht: Sie scheuen nicht davor zurück, die thematisierte Problematik beim Namen zu nennen und dies sehr persönlich zu nehmen. Denn jede Erzählung muss im Kern eine wahre Geschichte beinhalten, wie Parsons sagt.
Tony Parsons - Als Wir Unsterblich Waren. Blumenbar Verlag, München 2006. Deutsch: Christian Seidl.
David Wojnarowicz - Close To The Knives. MirandA Verlag, Bremen 2006. Deutsch: Stefan Ernsting.






