Transmediale 07: You Wrap The Streets In Sandwich Bags

11Jahr für Jahr das gleiche Problem: Die Transmediale feiert sich selbst, die Kuratoren blasen zum großen Halali: Ob nun Marc Weisser oder Jason Forrest spielt eigentlich keine große Rolle für die konservative Nabelschau. Eine jährliche Veranstaltung, die in vielerlei Hinsicht gefördert und gesponsert wird, präsentiert Pomp, Glitter, Glanz und Gloria in den Betonwänden des Club Maria. Immerhin werden uns 8 Tage am Stück kleine Häppchen und Happen aus dem experimentellen Underground gereicht - über die Auswahl lässt sich natürlich streiten. Nun ist die einstmals subkulturell vitaminreiche Kost der Transmediale zum selbstlaufenden und stark entwässernd wirkenden Marathonprojekt mutiert, oder besser transmeditiert. Es ist eben nicht damit getan, den einen oder anderen großen Namen als Headliner zu installieren wie den Kanadischen Breakcore-Spezialisten Venetian Snares für den Samstag Abend unter der Leitung von Jason Forrest. scg3scg3Dessen fast zweistündige laufende Show mit nicht viel mehr Equipment als einem Mixer und zwei CD-Wechsler sollte seinen Status als Grand Seigneur des Breakcore festigen, konnte aber bestenfalls die bereits Bekehrten überzeugen. Österreichs Fuckhead sollen besudelt nackig eine expressive Show abgeliefert haben, wie man hört, ganz das Orgien Mysterien Theater eines Hermann Nitsch. Typisch Österreich halt, könnte man da sagen, wo es mit Nitsch, Elfriede Jelinek oder dem sagenhaften Otto Muehl eigentlich in erster Linie darum geht, die eigenen pseudokonservativen und stockspießigen Fesseln abzustreifen, so drastisch wie nur möglich, so voluminös karnevalesk und mit großem Spektakel. Die Progrockterroristen Trencher, schon bei der letztjährigen Transmediale eher schlaffördernd, präsentierten exemplarisch die (Neben-) Darsteller aus Jason Forrests CockRockDisco-Stall als avant-gardistisch, eierten aber in Echtzeit so lahm in der Ecke wie Daffy Duck. So gegen 4 Uhr in der Frühe, am Sonntag Morgen, leerte sich der große Saal im Club Maria zusehends, übrig blieb ein erwartungsarmer, desorientiert torkelnd und verstrahlt wirkender Haufen, flankiert vom maschinengewehrhaften Geboller aus den Reihen schier endloser Breakbeatloops. Forrest selbst legte uns scgscgwieder einmal seine Siebziger Helden Styx, Journey oder Heart nahe in den Pausen der Live-Sets. Wrong Music Crew plus eben, wie genannt, hier ließe sich versteckt wohl ein Körnchen Ironie vermuten - aber malle wars, als wären die frühen Morgenstunden im Maria in benebelndes Rohypnol getunkt: Noch einen Humpen Bier aus der grünen Flasche ohne Etikett (Achtung: Spezialanfertigung!), einer geht noch. Dj Horacio Polard musste die Schlaf-Renitenten mehr als einmal auf recht grobe Weise auffordern, endlich das Maul zu halten und zuzuhören. Klingt drastisch, und tja, wohl auch verzweifelt. Ganz am Ende der Fahnenstange, nach Hinten verschoben von 4 auf schließlich 6 Uhr in der Frühe, betraten dann die Aussenseiter und Frischlinge AbbaAbba die große Bühne - und siehe da, ein Lichtlein brennt: die verloren geglaubten Söhne und Töchter von Benny, Björn, Agneta und Frida tauchten auf - sie scherten sich keinen Cent um Habitus, Gewichtung, Revival oder Konsortium und ließen exemplarisch den trägen Rest der Betonbewohner nach Sauerstoff schnappen. Man konnte förmlich spüren, dass nicht alles verloren schien in diesem Moment, das Universum machte einen seiner unerwartet belebend wirkenden Quantensprünge. Mit einem frischen Klumpen pissgelben calix2calix2Schnee an der Backe ging es querfeldein in das improvisierte Chaos: Count Crookie gelang es tatsächlich noch sichtlich angeschlagen auf seinem Stuhl sitzend, die Gitarre in der Waagerechten zu halten. Ganz großes Kino. Volltrunkene Fahrradunfälle sollte man meiden, wird schonmal behauptet. Frisch traumatisiert wirkte auch Cory Abt, genannt Glockenhalter, denn der mischte seine tonsauren Trompetentöne mit Stechapfelwasser und seitlich blitztendem Mistelblick. Jungdrummer Fushy Chips trommelte so stetig bebend wie ungewaschen. Keyboarder Captain Sikes gelang es live aller Konzentration zum Trotz, die eingehenden SMS zu lesen und teilweise zu beantworten neben all der Händelei mit den Knöpfen am Korg-Elektroofen, während Dr. Buss den Bass machte und die fünfeinhalb Oktaven erklimmende Vokalakrobatin Missy Bumpernickel von der Bühne ins Publikum sprang als gäbe es kein Morgen. Erstaunlich, welche Wirkung 15 Minuten Performance haben können, hält man den Ball flach und unprätentiös. Von AbbaAbba werden wir in jedem Fall noch zu hören bekommen, soviel steht fest. Und falls es die Crew schaffen sollte, weiterhin durch Unfälle traumatisiert zu bleiben oder völlig abbaabbaabbaabbadesorierntiert zu wirken, prophezeihen wir hiermit eine strahlend glorreiche Zukunft samt Plattenvertrag und Frühstückansbett. Breakcore hand- und hausgemacht, unerwartet das Feld aufgerollt, und das von ganz Hinten. Was könnte man mehr verlangen.

Wer zum Eröffnungsabend der Transmediale am Donnerstag in die Volksbühne kam, bekam seit Jahren hochkarätig experimentell arbeitende Acts wie die Warp-Artistin Mira Calix oder Pierre Bastien zu sehen, aber auch die lebende Freak-Legende aus Phoenix und später Portland, die Sun City Girls. Ob die nun links- mitte- oder rechtsgnostischen Unfug treiben, mag hier mal sekundär ausgeklammert bleiben, denn die Allermeisten unter euch Querköpfen da draussen wussten bislang ja nicht mal, dass es sich hier um eine echte lebende Legende handelt. Tatsache ist, dass es den Sun City Girls um Charles Gocher, Rick und Alan Bishop seit ihrem selbstbetitelten Debut 1984 auf Placebo Records gelang - unter Anderem durch die Gründung eigener Plattenlabels wie Majora, Abduction oder für den Feldforschungsauftrag Sublime Frequencies - kontinuierlich zu wachsen. Zuletzt calixcalixperformten die Sun City Girls im Dezember 2006 in südwestlich gelegenen englischen Minehead, dem ATP-Headquarter und dem von Thurston Moore kuratiertem Festival A Nightmare Before Christmas neben u.a. den Melvins, Gang Of Four und The Stooges. Die Sun City Girls haben den Ruf weg, so renitent wie freaky, so weird wie unberechenbar zu sein wie kaum eine Band seit Tuli Kupferbergs The Fugs oder den mysteriösen The Godz. Vor allem aber entstand ihr Ruf durch Referenzen über andere aktuelle Musiker und Bands, die sich der improvisierten Psychedelia auf vielfältigste Weise zu nähern wissen: Animal Collective, Tower Recordings, Black Dice, Sunburned Hand Of The Man. Unter Anderem auch aus dieser Sichtweise heraus erscheint es überflüssig, das Konzert der Sun City Girls in der Volksbühne zu bewerten - sie sind heute präsent, sie veröffentlichen ohne nennenswerten Support weiter Album für Album, sie zirkulieren und bewegen sich stetig weiter - allein der Umfang an Inspiration für werdende Musiker kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die Alben Grotto Of Miracles, Torch Of The Mystics, Valentines From Mata Hari oder Bright Surroundings, Dark Beginnings wären abaaabaaals Einstieg sehr zu empfehlen. Am Sonntag machte sich die Doom-Metal Fraktion breit: Das Burial Chamber Trio um Greg Anderson, Oren Ambarchi und Attila Csihar - ansonsten Vokalist bei SunnO))) - verteilten Schock- und Schallwellen in Massen, so grandios wie nervenzerschmetternd, Jazkamer Lasse Marhaug stellte sein (Death-) Metal Music Machine Projekt vor, siehe oben, und der Neuseeländer Campbell Kneale alias Birchville Cat Motel stimmte mit automatisierten Noisefetzen ein. Ein guter Abend, und die richtige Band spielt wie immer gleich danach.

birchvillebirchvillesunnsunngreggregorenoren

 

abbaaabbaa