No Neck Blues Band - Embryo: Die Farbe Aus Dem All

Die Krautrock-Legende Embryo und das New Yorker Improv-Kollektiv No Neck Blues Band laden am 1. Mai 2006 in der Volksbühne zur gemeinsamen Show, denn wie im althergebrachten Kollektiv-Gedanken wurde zuvor ein schönes neues Album gestaltet .

Manche Musiker gehen die Dinge eben gelassen an. Oder sie begehen kryptische, verschlungene Pfade. Sie lesen zum Beispiel Bücher von obskuren Autoren wie Algernon Blackwood, Lord Dunsany oder auch H.P. Lovecraft, der sich zwischen 1920 und 1940 in die hinteresten Winkel seines vom Tageslicht abgedunkelten Hauses in Baltimore zurückzog, um an Pulp-Horror-Stories wie »Cthulhu« oder »Die Farbe aus dem All« zu schreiben, basierend auf der fiktiven schwarzen Kult-Bibel namens Necronomicon, die der Jemenite, Poet und verrückte Araber Abdul Alhazred im 8. Jahrhundert verfasst hatte. So jedenfalls will es die Legende.

Tune In

Legenden wie diese bilden konstante Eckpunkte im Universum des Improv-Kollektiv No Neck Blues nncknofun06.HEnncknofun06.HEBand, die im New Yorker Stadtteil Harlem seit 1994 ihr Hauptquartier, das Hint-House, bewohen. Geblieben sind vor allem eine Handvoll teils vergriffener Alben und das aktuelle, hervorragende neue Werk »Qvaris«. Aber vor allem die legendären Live Shows sorgen an sich für eine beständige Erweiterung am Mythos Nnck. Seit 1995 improvisiert die Band um die Aktuere Keith Connolly und Dave Nuss geschlossen ihre spirituell-eingefärbten Ragas, die auch in den unterschiedlichen Solo-Konstellationen wie das experimentierfreudige low-fi Side-Project Enos Slaughter um No Necks David Shuford mit Marc Orleans von Sunburned Hand Of The Man und Carter Thornton von IZITITIZ zusammen laufen, sowie das R&B-Blueprint Coach Fingers von Gitarrist Jason und Drummer Dave Nuss, die allesamt eher unregelmäßig Platten auf dem Bandeigenen Label Soundatone veröffentlichen.

Wie schon mit dem Bruch der klassischen Komposition im Barock bei Jean-Marie Leclair oder Franz Biber, in der Jazz-Ära der späten 1950er Jahre bei Thelonius Monk oder Albert Ayler, der Schauspiel- und Tanz-Performances der mobilen Truppen The Living Theater oder von The Nonplussed Some in der Dekade des Love & Peace oder den frühen 70er Jahre Aufnahmen von Can komponieren die Nncks instant, d.h. spontan und auf der Stelle. Damo Suzuki besteht auch heute noch darauf, dass seine Band »sich niemals auf Jam-Sessions einlässt oder die Basis für Solos liefert, sondern konzentriert das Prinzip der ›Instant Composition‹ verfolgt«. So setzen auch die unsterblichen Rock-Dinosaurier Embryo um den Marimba-Spieler Christian Burchard zusammen mit der No Neck Blues Band auf das Pfand der gemeinsamen spontanen kompositorischen Erleuchtung. Durch die Scheibe »Embryonnck« (Staubgold 67) kulminiert diese spezielle Arbeitsweise in einen ersten gelungenen Entwurf.

Turn On

Dave Nuss: »Lange Zeit schon war ich großer Fan von Embryo, vor allem von deren Scheibe »Steig Aus« (Brain Records 1973, re-released 2004). Irgendwann habe ich über Embryos Webpage die Adresse von Burchard erhalten und ihm nach und nach unsere Alben geschickt. Er mochte sie sehr, ober wohl er zugab, nicht gerade viel Material an neu entstandener Musik zu erhalten.« Flugs wurden gemeinsame Shows für Berlin geplant. Am 16. und 17. Juli 2004 fanden so zwei fantastische Konzerte des nncknofun06/HEnncknofun06/HE»Embryonnck«-Projekts statt. Zuerst führte der kollektive Funkenschlag in das Friedrichshainer Höhlenlabyrinth der Supamolly, schon am nächsten Morgen gings gemeinsam per Bus nach Nürnberg ins TechnoLogic-Studio, um in nur einer Session das Album »Embryonnck« aufzunehmen. Dave Nuss: »Cristian hatte den Tag im Studio organisiert. Er kennt die Jungs dort. Wir konnten dort einfach kostengünstig und in ruhe unser Album aufnehmen. Es gab keine vorherigen Proben oder musikalische Direktiven, die einzige echte Probe vor dem Studio war die Show im Supamolly.« Noch am selben Abend spielte die Fusion »Embryonnck« im Kreuzberger Regenbogenkino ihre zweite Show. Die Supamolly-Liveaufnahme »Five Grams of the Widow« schaffte es sogar mit auf das Album. Die musikalischen orientalen Bezugspunkte werden durch das von Christian Burchard gespielte Marimbaphone über einem grummelnden Bongo-Beat gesetzt.

Drop Out

Mystisches Gerassel und schräge Flötentöne eröffnen »After Marja’s Cats«, das softig weich wie im Trance dem balinesischen Gamelan zuwendet, bis nach fünf Minuten ein hoher, greller Pfeifton scheinbar daran erinnert, flugs den Wasserkessel vom Herd zu nehmen. Schnaubend und keuchend beginnt die japanische Nnck-Sängerin Takahashi Michiko ihren Nicht-Singsang, ein Saxophon Oberton samt fiebriger Perkussionspattern leiten über in das no waveige »Die Farbe Aus Dem All«, in dem eine Saz-Laute verstohlen an einer schönen kleinen Melodie nästelt, manuell angeschoben von exzellenten Slide-Guitar Wellen. Burchard spielt sein Marimbaphon so locker und virtuos aus wie Theo Monk einst die schwarzweissen Tasten am Klavier, bis die farbenfrohen und sanften Kalimba-Klingelklangeltöne schließlich den goldenen Sonnenuntergang ins Nirvana einläuten.

No Neck Blues Band & Embryo: Embryonnck - Soundatone # 78/Staubgold 67
No Neck Blues Band: Qvaris - 5rc/Cargo