ooiooEin kurzes, knarziges Fiepsen eröffnet "Armonico Hewa", das neuen Album um Boredoms Yoshimi all-female Projekt OOIOO. Hier wird keine Zeit verplempert, direkt im Anschluss auf die Fiepseröffnung folgt eine Kanonade aus Tribal-Drum Sounds, gedubbtem Sing-Sang inkl. SchreiSchreiSchrei, so no-waveig und speedy wie bei Lizzy Mercier Descloux, samt crossfading in Weltmusikmania-Roots. Der Impuls, diese gesamte geschmolzene Melange ideologisch nach hier oder da zu verwurzeln erscheint verwegen, denn Yoshimis/OOIOOs Taktik überschlägt sich selbst sprudelnd in Sekundenbruchteilchen, entzieht sich damit jeder Referenzklausel, und findet seinen Boden in jedem Track neu. Wie schon auf dem letzten Album Taiga sind Gitarristin Kayan, Bassistin Aya sowie Drummer Al mit dabei, die Palette der (handgespielten) Instrumente klingt exotisch, wie das Daumenklavier bei Polacca, und wie es scheint, als haben OOIOO einen eigenen Sound gefunden. Das Keyboard wummert und schwemmt eine Melodie an die Oberfläche, die Yoshimis Worte sanft führt, und irgendwie schafft es die Band spätestens bei Ulda, die anfänglich etwas zu sprunghafte, rezessiv verspielte Hyperaktivität abzuschütteln um sich für ein paar Minuten auf eine Stimmung zu fokussieren, die Armonico Hewa am Ende sogar zu einem recht zugänglichen Album verschmelzt. Armoinico Hewa erscheint weich und einladend wie ein modernes Pop-Album, blubbernd, seismografisch messbar, bunt wie eine japanische Bonbonverpackung, ein leichter Happen demzufolge, dessen fesselnde Wirkung der eigens eingebaute Defekt erst erzeugt. Da sind
radiandie Österreicher Radian ein gutes Gegengewicht, ruhig und ausbalanciert; Brandlmayr, Nemeth und Norman haben ihre offensichtlichen Referenz-Quellen wie This Heat auf „Juxtaposition“ nun mit „Chimeric“ ein wenig relativiert, dabei dürften Teile des neues Equipments eine Rolle gespielt haben wie auch der Zeitunterschied von 4 Jahren zwischen der Entstehung der beiden Alben. Chimeric haftet in der Tat ein etwas chimärenhafter-kammermusikalischgeformter Touch an, der die Konstruktion der Stücke beim Hören imaginär in ein dazugehöriges Theaterstück hievt, sie wirken ausnahmslos szenisch und suggestiv in ihrer kantigen, drängenden Bildsprache. Die Stücke Git Cut Derivat/Chimera lösen sich von der Vorgabe, interessant wäre es hier, die verschiedenen Versionen der beiden Tracks zu verfolgen, gut möglich aber, dass gar keine (frühen) Versionen existieren. Bei Radian Alben kommt die Vermutung auf, dass die Stücke allesamt in sehr kurzer Zeit, in zwei/drei Sessions entstanden sind, um dann in aller Ruhe in der Studionachbearbeitungsphase zu reifen. Chimeric zeigt sich als moderne Doom-Troinca, eine in sich kontrollierte Ambivalenz spiegelnd, zwar destruktiv im Gusto, immer aber mit dem richtigen Timing im Blick, um das umgebende Inferno pittoresk zu zeichnen.
:: OOIOO/Armonico Hewa -- Radian/Chimeric - Thrill Jockey/Rough Trade.



