Mit warmen, etwas wackeligen Piano Klängen, nervös-präzisen Beats und einer Bassgitarre bewaffnet wirft sich das Chicagoer Trio Pit Er Pat mit ihrem Debüt »Shakey« und der brandneuen EP »3D Message« in den Klangbaddschungel einer neuen organisch perforierten Exzentrik.
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Transformation, Träume, Textursprung
»Das Thema ›Transformation‹ beschäftigt mich sehr.« Fay Davis-Jeffers, Keyboarderin und Vokalistin bei Pit Er Pat, spricht offen und direkt über ihre Welt aus Insekten in zarten Primärfarben, die ihre dunklen, aber letztendlich ihre Kunst erhellenden Träume bevölkern. »Das Totenkopf Motiv auf unserem Album ›Shakey‹ verweist als Todessymbol auf einen wesentlichen Teil dieser Transformation. Mir geht es nicht so sehr um den Zerfall, sondern viel mehr darum, dass der Tod an sich ja immer auch eine Art von (neuem) Leben beinhaltet. Als ich den Text zum Song ›Bird‹ schrieb, wollte ich verdeutlichen, wie es sich anfühlt, wenn man selbst oder andere Kreaturen versuchen, sich in etwas anderes zu verwandeln. Ich denke, viele Menschen haben das Bedürfnis, diese Transformation in Gedanken nachzuvollziehen, vielleicht nur, um sich ein wenig besser fühlen zu können, vielleicht aber um sich selbst oder den Nächsten vor Schaden zu bewahren.«
»It`s The Earth Slipping Down And Away/ And Above Black Clouds Of Rain Pressing Down/ Destroying Everything You Have Ever Loved.«
Wer mit dieser Zeile aus dem Song »Bird« sein Debütalbum beginnt, beschäftigt sich sicher nicht den ganzen Tag mit der Wahl von Klingeltönen. Fay Davis Träume sprechen über die Songs von Pit Er Pat ihre eigene Sprache. In »Bird« heißt es weiter: »I Want To Be All Covered In Feathers/ On My Head, On My Body, All Over My Shoulders/….If You Need To Die, Bird/ I Will Take All Your Feathers/And Wear Them For You/ But Don`t Lay Down And Die Just For Me, Bird/ Don`t Lay Down/ I Think You Wont Get Up.«
Die leise Zwiesprache mit einem sterbenden Vogel als Songtext mag etwas befremdend wirken in der Beliebigkeitslandschaft der Liebschaftsaustauschthematik im modernen Popsong. Im Zusammenspiel mit Pit Er Pat entfaltet »Shakey« aber eine sehr spezielle Sogwirkung, die so ganz und gar nicht naiv oder gar hippiesk, sondern am ehesten zu Vergleichen ist mit dem genialen Psycho Beat des Weirdo-Predigers Captain Beefheart & Magic Band oder den konkaven Songstrukturen der 1980er Girls Group The Raincoats, oder, bei »Diamond Message« und »3D Message«, zu experimentellen Beatgroups der 1960er wie The Godz.
Zusammen mit Trommler Butchy Fuego, dessen Urgroßvater schon als Drummer Boy in den Bürgerkrieg zog und dem Bassisten Robert Doran visualisiert und kanalisiert Fay Davis ihre emotionalen Gedankenspiele auf subtile, aber immer streng im Songkontext orientierte Weise.
piterpatDer Textursprung von »Underwater Wave Game« bezieht sich einmal mehr auf einen beängstigenden Traum: »Wir waren am Strand, dort beobachtete ich ein scheinbar seltsames Spiel. Alle Leute standen in einer langen Schlange an vor einer großen schwarzen Kiste für jeweils eine Person. Diese lag knapp unterhalb der Wasserlinie. Jeder konnte hinein. Einmal drin, entpuppte sich die Kiste aber als nicht wasserdicht, mit jeder Welle drang Meerwasser ein. Einer nach dem Anderen ertrank und wurde herausgehoben. Nur ein paar wenige überlebten dieses Spiel. Aber anstatt davon zu laufen, stellten sie sich sofort wieder hinten in der Schlange an. Ich war bestürzt. Es gibt einige Parallelen im realen Leben, dachte ich mir nach dem Aufwachen.«
Pit Er Pat bietet das Leben als kompliziertes Gefühlschaos, eingewickelt in illuminierendem Cellophan, gesehen durch ein bunt schillerndes Kaleidoskop. Wenn Fay im Crescendo von »UH-OH« die Tasten ihres Keyboards beharkt, ihre sehr feminine Stimme zornige Blitze wirft, wirbeln die Stöcke des Drummer Boys Butchy im Quadrat: Ein rechtes Blitzen und Donnergrollen.
Auch in »Scared Sorry« beschäftigt sich Fay Davis mit einem moralischen Dilemma. »Das Thema dieses Songs behandelt die Veränderung meiner besten Freundin. Sie entwickelte für alle völlig unerwartet das Krankheitsbild einer klassischen Schizophrenie. Wir waren damals beide etwa 16 Jahre alt. Sie wurde aggressiv. Ich reagierte zuerst fassungslos, wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte oder ihr helfen konnte. Es machte mir große Angst den Zerfall ihrer Persönlichkeit mit ansehen zu müssen. Wenn jemand mit einem gebrochenen Arm kommt, sagst du: ›Mach dir keine Sorgen, das wird schon wieder heil.‹ Schizophrenie wird als beständige Krankheit klassifiziert; nicht die betroffene Person wird vorübergehend krank, sondern sie selbst verwandelt sich in diese Krankheit. Auch mir fiel es sehr schwer, ihr weiter nahe zu sein. Ich wusste nie, was als nächstes passieren, wie sie auf mich reagieren würde. Bevor ich dann später den Song ›Scared Sorry‹ schrieb, hatte ich mich in ein Buch von Julian Jaynes vertieft: ›The Origin of Conciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind‹. Jaynes es hatte es schon 1960 geschrieben und Vorlesungen gehalten, erschienen ist es aber erst 1976. Dessen Theorie sagt, dass vor etwa 10.000 Jahren jeder Mensch wesentliche schizophrene Grundzüge hatte, da die beiden Gehirnhälften noch nicht interagieren konnten. Die Menschen suchten ihr ›Über-Ich‹ in anderen Wesen, welche ihre Entscheidungen zu regeln hatten. Große Themen wie Gott, Religion, oder das Bild der eigenen Person wurden somit aus der reinen Not heraus geboren. Und aus zwei unterentwickelten, nicht interagieren könnenden Hirnhälften.«
Vom Bild zum Klangmuster
Pit Er Pat bedeutet eigentlich soviel wie »das nervöses Klopfen mit den Fingerspitzen«, bezieht sich aber auch auf ein Öl Gemälde aus den 1960er Jahren von Jim Nutt. Dieser war einer der Gründer des Imagists Art Movements, einem kreativen, subversivem Künstlerkollektiv. Diese recht rabiate, situationistische Bewegung nutzte außer Foto-Montagen, Ölbildern, Kohlezeichnungen auch die Form des Comics als Träger politischer Slogans. Während die Beatles mit »Sgt. Pepper« kamen, die Yippie-/Hippie-Beat-Poeten sich mit Blumen im Haar auf der Haight Asbury trafen, fand sich die Gruppe um Jim Nutt zusammen, um zu einer Art trippigen Monty Python der Kunstavantgarde zu avancieren. Ab 1968 spaltete sich die Gruppe von The Hairy Who um Jim Nutt zu The False Image und The Noneplussed Some. Bekannte Größen daraus waren Richard Wetzel, Eleanor Dube und Ed Paschke. Letzterer bediente den kantigen politischen Flügel der Noneplussed Some. Seine Flagge der Konföderierten etwa konterkarierte mit dem Portrait Lee Harvey Oswalds. Das wichtigste Element der Imagists war einen eigenen Sprach-Code gegen die Außenwelt zu erzeugen. Und eine eigene Zeitrechnung aufzustellen. Ein Ölgemälde entstand in zehn Minuten. Ein Vinylalbum samt Cover in wenigen Stunden. Mit der Höchst- und Endauflage von einem Stück.
Im Kontext der Yippies der 1960er Jahre, den aktuellen politisch konservativ-kriminellen Untertönen, den folgenden Bürgerrechtsbeschneidungen, der Zensur der freien Meinungsäußerung im aktuellen Amerika fühlt sich Pit Er Pat heute ganz in der Tradition der Imagists, deren Freund und Maler Jon Widman für »Shakey« einige Motive beisteuern konnte. Fay Davis: »Jon Widman hatte die Idee mit den Insekten, das Totenkopfformat der Songtexte wollten wir als durchgängiges Motiv beibehalten. Jon hatte aber keine Zeit dazu, die Texte in dieser Form bringen, also habe ich das auf meiner alten Schreibmaschine gemacht. Das Raben Motiv stammt ebenfalls von Jon, das lag bei Anfrage praktisch schon auf seinem Schreibtisch, wir haben dann nur noch den Augapfel eingebaut.«
Das klassische Piano war von Kindheit an Fay Davis-Jeffers Spielzeug. Auch heute noch schätzt sie dessen warmen Klang, seine Varianten, die Bandbreite seiner Tonwellen. Eigentlich wollte sie nie so richtig in einer Band spielen. Doch Rob Doran ließ nicht locker. Nach einem ersten Zusammenspiel im Proberaum sagte er Fay Davis auf den Kopf zu, dass sie keine Wahl hätte, als mit zu machen. »Ich spiele ein Nordic Electro. Das ist eine digitale Simulation von 5 Elektromechanischen Instrumenten: Wurlitzer Piano, Fender Rhodes, Hammond B 3Organ, Clavinet und das (elektronische, akustische) Grand Piano, also Klavier. Ich habe also 5 verschiedene Klangvarianten. Meistens nutze ich die Wurlitzer. Früher hatte ich eine original Wurlitzer, aber das wurde sehr schwierig, damit auf Tour zu gehen, weil sich das Ding andauernd verstimmte oder sich beim Herumladen die Beine brach.«
Butchy Fuego: »Das Grundgerüst aus Bass, Organ & Gitarre für ›Shakey‹ stand sehr schnell. In wenigen Takes hatten wir alles aufgenommen. Danach versuchten wir ein wenig zu experimentieren. Zum großen Teil besteht ›Shakey‹ aus Tonnen von arbeits- und zeitaufwendigen analogen Bandschnitten, was heutzutage ja kaum noch jemand macht. Besonders nicht mit 2“ Inch Bändern, die sind sehr schmal. Wir sind aber der Meinung, dass sich die Mühe lohnt, denn wichtiger als punktuelles Spiel ist uns der organische Sound. Mit Fays Keyboards haben wir das selbe gemacht. Sie wurden gedoppelt, verdreifacht und vervierfacht. Wir wollten einen weichen, warmen Klang haben, wie ein wärmender Mantel. Wir haben die Becken rückwärts eingespielt, eine Menge feiner Effekte dazugepackt, damit ›Shakey‹ seine ganz eigene Klangfarbe bekommen kann.«
:: Pit Er Pat: Shakey (Thrill Jockey/Rough Trade)
:: Pit Er Pat: 3D Message (MCD, limitiert) (Thrill Jockey/Rough Trade)


